Vor 20 Jahren im Falter

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | aus FALTER 32/10 vom 11.08.2010

Letzter Besuch

Noch einmal Bruno Kreisky. Letzte Woche hatten wir einen Nachruf von Werner Vogt, diese Woche einen von Reinhold Knoll. Die „Kritischen Wähler“ des Alten hatten sich als Kolumnisten in den Falter zurückgezogen. Knolls Text könnte, ja sollte man ganz hier abdrucken. Einige schönste Sätze daraus: „Kreisky war am Ende seiner Regierung selbst zum Reservat geworden, um sich selbst als Ruhepunkt im Verfallsprozess seiner Partei zu fixieren. Er war ein unruhiger Ruhepunkt. Wenn einmal die perikleische Zeit Athens knapp nach dem Tod des weisen Politikers in Korruption, politischer Kriminalität und Defraudation unterzugehen drohte, so gilt für Bruno Kreisky ebenfalls, weise wie Perikles gewesen zu sein.“

Wir hatten nicht nur Knolls Text. Birgit Kellner und Oliver Lehmann besuchten den aufgebahrten Leichnam Kreiskys in der Säulenhalle des Parlaments. Ihr Bericht: „Das sind keine Kränze, die links und rechts des Katafalks vor den Palmen aufgelegt sind, das sind Blumenbeete. Der Duft der Nelken und Rosen liegt schwer in der kühlen Luft. Mit einem Mal erhält die Säulenhalle einen Sinn, sonst ist sie ja ein ödes Feld zwischen geschäftigen Parlamentsgängen und der Cafeteria, ein Amalienbad ohne Schwimmbecken. Die Herren in schwarzen Anzügen richten noch ein letztes Mal die Kordeln. Es gibt solche, die eine Plakette mit Bundesadler und der Aufschrift ‚Städtische Bestattung‘ am Revers tragen, und solche, die keine tragen. Das sind die Staatspolizisten. Schlag 14 Uhr wird das Tor geöffnet, die schon lange anstehende Schlange darf nun hinein. Doch der Blick auf die subtropisch-staatsmännische Installation aus Sarg, Palmen, Orden und Kränzen will verdient sein.

‚Haben Sie schon unterschrieben?‘, mahnt einer der Männer in Schwarz zur Unterschrift in einem der aufgelegten Kondolenzbücher. ‚Dafür gibt es einen Partezettel.‘ Das Resümee der Besucher: ‚Den Kreisky kritisieren können s’. Aber besser machen kann’s keiner.‘“ AT


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