Enthusiasmuskolumne

Das Eis und der Glaube in Wien

Diesmal: Die beste Glaubensfrage der Welt der Woche

Feuilleton | Armin Thurnher | aus FALTER 32/10 vom 11.08.2010

Verschiedene Umfragen unter den Städten dieser Welt platzieren Wien immer wieder an vorderster Stelle, was die Lebensqualität betrifft. Das kann man gut verstehen, schließlich lebt man selber gerne hier, weil es sich hier leben lässt. Die Begründungen dieser berechtigten Einstufung muten dennoch oft abenteuerlich an.

So gut wie nie findet dabei eine Institution Erwähnung, die für das durchschnittliche, wenn auch nur Momente währende Wiener Lebensglück im Sommer zuständig ist: der Eissalon. Mir ist keine Stadt der Welt bekannt, die so viele Eissalons aufweist, die noch dazu Eis in solcher Qualität produzieren. Ihre Inhaber kamen oder kommen großteils aus Italien, und selbst wenn sie ihre tschechischen Vorfahren nicht verleugnen können, merkt man das dem Eis nicht an. Unsere türkischen Landsleute haben demgegenüber, obgleich gastronomisch nicht zu unterschätzen, deutlichen Nachholbedarf.

Sie könnten uns mit Puddingshops erfreuen, aber das beste Lokal dieser Sorte liegt im Istanbuler Stadtteil Taksim. Beim Eissalon hingegen müssen wir uns weder nach Catania noch nach Bologna bemühen. Es ist nicht unzumutbar subjektiv, zu behaupten, ein paar hundert Meter Luftlinie voneinander entfernt befänden sich die beiden besten Eissalons der Welt. Sie heißen im Wiener Volksmund nicht Perizzolo und Molin-Pradel, sondern „Tuchlauben“ und „Schwedenplatz“. Tuchlauben oder Schwedenplatz, das ist im Sommer eine kleine Glaubensfrage.

Für die Tuchlauben spricht das Nougateis, das dort nicht ohne Nachfrage in der Tüte abgegeben wird. Man sollte sich dafür hinsetzen, was der Bundespräsident manchmal tut, wenn er dem Protokoll ausbüxt. Für den Schwedenplatz spricht das Safran-Honigeis mit Nussstückchen. Der Honig tropft einem auf die Finger, die Geschmacksnerven sind überwältigt. Wie alle Glaubensfragen ist auch diese schwer zu entscheiden. Wären sie nur alle so angenehm wegzuschlecken!


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