Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 32/10 vom 11.08.2010

Schwammerl und Massenpanik

Wenn es regnet, schießen am Schloßberg die Schwammerl wie Schwammerl aus dem Boden, und es kommt in den Straßenbahnen zu Massenpaniken. Die durch den Jazzsommer und die vielen sinnlosen Volksfeste geübten Grazerinnen und Grazer nämlich sind nicht wirklich begabt im Umgang mit Menschenaufläufen und werden schnell knatschig, wenn sie die Regenschirme, Käsebrote oder Zeltstangen ihrer Mitmenschen in den Rippen spüren. Gewohnheitsmäßig und statistisch hat jeder Bewohner der Stadt, wenn sie sich gleichmäßig verteilen, knapp 496 m2 zur Verfügung, und da ist die erste Etage noch nicht mitgerechnet. So ist eine kleine Hysterie in der Straßenbahn schnell entfacht, und Stöße, die man von vorne bekommt, werden unter Beifügung von genervtem Stöhnen nach hinten weitergegeben, bis es, Gott behüte, irgendwann zur Katastrophe kommt. Wobei man sagen muss, dass Gott sei Dank selten Drogen im Spiel sind, womit wir wieder bei den Pilzen wären. Genauso wie die Grazer zwischen Dorf und Stadt, die Straßenbahnsituation zwischen Leben und Tod schwanken diese ständig zwischen Pflanze und Tier. Als größter zusammenhängender Organismus gilt der Halimasch-Pilz in Oregon, der über 2000 Jahre alt und knapp 9 km2 groß ist und langsam, aber sicher die Bäume der Umgebung befällt und abtötet. Für Menschen ist er, und hier ähnelt er der sehr viel kleineren Straßenbahn, ungenießbar, aber nicht wirklich gefährlich.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige