Selbstversuch

Bitte, für die meisten kann ich gar nichts

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 32/10 vom 11.08.2010

Mittlerweile besitzen wir 72 Sessel. 20 in der Wohnung, 52 im Haus. Wie ich jetzt bei unserem lokalen Altwaren-Hippie den 73. gekauft habe, habe ich gesagt: Sepp, du kommst mit, ich trau mich nicht allein nach Hause, der Lange wird mir tätlich, wenn er den 73. Sessel sieht. Den Sessel habe ich gebraucht, erstens ist es mein erster Schaukelstuhl, zweitens passt er perfekt zu den Wohnzimmersesseln, drittens will die Familie vom Sepp jetzt endlich in den Urlaub fahren, der Sepp braucht jeden Euro. Weshalb ich ihm auch noch einen schönen, rotlackierten Blechtisch abgekauft habe, einen roten Blechtisch kann man immer brauchen, und so einen schönen, alten Blechtisch findest du so schnell nicht wieder.

Den Tisch trug der Sepp, als er hinter mir in den Garten einmarschiert ist, ich auf Zehenspitzen mit dem Schaukelstuhl auf dem Schädel. Der Lange hat in der Hängematte gelegen und kurz aufgeblickt und gesagt: Endlich einmal ein anständiger Stuhl, und über den Tisch hat er gar nichts gesagt. Halleluja. Das ging ja eh gut, hat der Sepp gesagt; ja, habe ich gesagt, phhh.

Außerdem kann ich für die meisten Sessel gar nichts. Na ja, nicht für die meisten, aber für viele der Spaghettistühle kann ich zum Beispiel nichts. Drei waren schon da, und dann hat der Sepp sechs gebracht plus einen Liegestuhl. Und seit diese Spaghettistühle im Garten stehen, bringen mir die Leute jeden Spaghettistuhl mit, den sie auf irgendeinem Flohmarkt erblicken, letztens kam ja der Horwath mit acht daher, alle makellos, drei Euro das Stück, um das Geld kann man sie, wie meine Mutter sagt, nicht selber machen. Und sie passen ja auch gut zum Haus, finde ich.

Der Lange findet, es ist genug. Aber der hat auch keine sentimentale Bindung zu diesen Sesseln, und ich schon, weil meine Oma selig hatte in ihrem Garten auch solche. Wenn auch nicht ganz so viele wie wir mittlerweile, denn wir haben jetzt, also insgesamt, warte, genau 26. Es dürfte sich inzwischen um die größte Spaghettistuhlsammlung des Landes handeln.

Auf jeden Fall besser als diese Teakholztrümmer, um das Haus herum herrscht ja ein strenges Teakholz-Verbot. Und außerdem, sagt der Sepp, es gibt nun einmal Leute, die Sessel sammeln, es gibt Leute, die sammeln viel größeren Blödsinn, Porzellanelefanten, Bierdeckel, so Zeug. Stimmt, Tex Rubinowitz hat doch früher die Laschen von den Milch-Tetrapaks gesammelt. Oder Schuhe!, sagt der Sepp, der mich bislang ausschließlich in Fell-Hölzlern oder Gummistiefeln gesehen hat, Schuhe, bitte! Äh, tja. Schuhe. Mhm. Davon habe ich auch schon gehört, es soll sogar Beziehungen geben, wo die Frau nur ein neues Paar Schuhe kaufen darf, wenn sie dafür ein altes weggibt. Ja. Wobei man, wie ich gehört habe, Schuhe ganz gut verstecken oder behaupten kann, die habe man schon seit Jahren. Mit Sesseln funktioniert das leider nicht so gut.


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