Kritik

Bunkerstimmung im Horrormärchenland

Lexikon | Martin Lhotzky | aus FALTER 33/10 vom 18.08.2010

Willkommen in der Alptraumwelt des Bruno Max! Diesmal verquickt er Augenzeugenberichte aus den letzten Kriegstagen mit kurzen Märchenerzählungen. Dabei greift er auf weniger gängige Geschichten der Brüder Grimm, aber auch auf Brecht, Heine oder Rilke zurück. Der Spielort, jener Luftschutzbunker am idyllischen Weg in die Hinterbrühl, übernimmt dabei eine Hauptrolle und eignet sich ideal für dieses Stationentheater. Ein als Bombenflüchtling verkleidetes Kind führt Besuchergruppen durch die düsteren Gänge. Elfen, Zwerge, Nazischergen oder auch KZ-Gefangene und manchmal sogar Zivilisten harren ihres Stichwortes, um mit einer erstaunlichen Diskrepanz zwischen Auftreten und Vortrag zu verwirren. Ob Eva Braun (im Hintergrund der bereits tote Führer und Schäfer Blondie) vom unsterblichen Kaiser Barbarossa erzählt und sich die Pistole an den Mund setzt oder ein experimentierfreudiger KZ-Arzt einen Nazisupercyborg schafft, während er Grimms Märchen vom langen Schlaf der zwölf Apostel referiert – alles erscheint hier merkwürdig und beunruhigend. Etwas fragwürdig ist vielleicht eine Schulstunde mit zwei „Kindsverderbern“ (so das Programmheft), die seitenlang Antisemitisches aus der Nazipostille Der Stürmer vortragen. Grelle Schminke und Narrenkappe sollen wohl ironische Distanz herstellen, ein bisschen Bauchweh bleibt darob dennoch.

Zum Schluss holen uns noch marodierende Rotarmisten aus der Albtraumwelt der Fantasie in den Albtraum des Weltkrieges zurück. Tolle Idee, beeindruckende Umsetzung, aber teils zu verquer gedachte Botschaft machen für „Maikäfer flieg.“ eine unbedingte Empfehlung nicht ganz leicht – dem Namensmotto der Compagnie „Theater zum Fürchten“ wird diese Aufführung jedenfalls hinlänglich gerecht.

Ehem. Luftschutzstollen, Do–So 18.30 (bis 4.9.)


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