Kritik

Denn der Haifisch, der hat Zähne

Lexikon | aus FALTER 33/10 vom 18.08.2010

Das Maul des Hais ist weit aufgerissen. Heraus ragt eine Hand, die gerade noch OK deuten kann. Vesna Bukovec stellt darunter vier zustimmende Sprüche zur Wahl, etwa „Everything is possible“ oder „I always have a choice“. Man mag dieses Blatt aus der Zeichnungsserie „Positive Illusion“ auf die neoliberale Wirtschaftsordnung oder auf den Kunstbetrieb beziehen, es passt auf alle Fälle genau in die Gruppenschau „where do we go from here?“ mit der die Secession aktuell die junge Szene präsentiert. Schließlich dürfte alle hier Versammelten die Frage nach dem Verhältnis von eigenen „Illusionen“ und der Bissstärke des Systems umtreiben.

Ein ungewöhnlich hoher Anteil an Künstlerinnen prägt die von feministischem Esprit durchwebte Schau. Marlene Haring hat die Eingangstür mit dem riesigen Aktfoto „Letting my hair grow“ bedeckt, dass an Klimts langhaarigen Grazien mahnt. Von Olivia Mihaltianu stammt ein goldenes Raucherkammerl für Dichterinnen, Käthe Ivansich gestaltet eine Serie von „Menstruation Skateboards“. Klingt zwar jenseitig, funktioniert aber gut, denn schließlich holen sich bei diesem Sport vor allem Männer blutige Blessuren, was die Künstlerin ironisiert. Feministisch und körperlich bewegt geben sich auch die Cheerleaderinnen, die die Künstlerin Anna Witt in ihrem Video angeleitet hat, politische Gesten und Parolen einzustudieren. „Radical Cheerleading“ wurde nach 9/11 in den USA erfunden, als das Demonstrationsrecht stark eingeschränkt worden war.

Etliches erschließt sich in der Schau nicht schnell und sie gleicht einer Akademie-Schlussausstellung. Insgesamt versprüht sie aber so viel ungebremste Tatkraft und Originalität, dass man sie ohne Sorge über die Zukunft der Generation „1980 plus“ wieder verlässt. NS

Secession, bis 29.8.


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