Meinesgleichen

Der Lobbyist im politischen Seifensprech

Falter & Meinung | aus FALTER 33/10 vom 18.08.2010

Der ORF hat es geschafft, mein Interesse an seinen politischen Sommergesprächen komplett abzutöten. Niemand spricht mich auf ein solches Gespräch noch an. Montagabend und die Idee, in pittoresker Umgebung mit ausgewählten Gästen zur Sache zu gehen, dazu die spürbare Angst, kein Politbüro zu verärgern, das alles kommt mir vor wie die Idee eines Kochs, ein Gericht durch möglichst viele Zutaten und Gewürze zu verbessern, dafür aber die Temperatur radikal zu drosseln. Bemitleidenswert die Moderatorin Ingrid Thurnher. Warum lässt man sie nicht einfach ein einstündiges Gespräch mit einem Partner führen, ohne ihr Störfaktoren aufzupelzen?

Vergangenen Montag hieß der Störfaktor Claus Raidl. Ich ertrug das Gespräch nur kurz, denn von der Person, um die es gegangen wäre, der Grünen-Chefin Eva Glawischnig, war nichts zu hören; auch nicht von Frau Thurnher. Böhler-Chef Raidl quatschte beide nieder. Vielleicht sollte man ihn mit den ähnlich veranlagten Ioan Holender, KHG und Erwin Pröll in einer Dauertalkshow zusammenspannen. Ein feines Händchen für Talente haben sie ja beim ORF.

Ich hörte nur noch, wie Raidl sagte, 60 Prozent aller Österreicher besäßen Immobilien, also könne man die Grundsteuer nicht erhöhen. Niemand entgegnete ihm, dass die oberen Zehntausend in Österreich 61 Prozent aller Immobilien besitzen. Es geht eben nichts über die Lektüre anspruchsvoller Fachliteratur: Beide Zahlen standen in der Vorwoche in der Illustrierten News.

Quelle:

News Nr. 30 vom 29. Juli 2010, Seite 18


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