Ins Mark

Lasset uns beten!

Der Kommentar zur steirischen Woche

Steiermark | aus FALTER 33/10 vom 18.08.2010

Kann es eine schönere Zeit für große, die Niederungen schnöder Sachpolitik transzendierende Gesten geben als den August – zumal vor Wahlen? Kein Monat eignet sich besser für das utopistische Projekt, die symbolträchtige Aktion, das visionäre Plakat, in keinem Monat ist die Öffentlichkeit dankbarer für Abwechslung. Eine Gondelbahn entlang der Mur? Spitze! Eine gefakte Entführung des steirischen Panthers vor der Villa des Landeshauptmannes für ein YouTube-Filmchen? Verboten! Und die Plakatpracht! Wann, wenn nicht im August, wenn die Vernunft Ferien macht, ist Zeit, die Plakate wieder und wieder zu studieren, die großen Fragen zu diskutieren, die sie aufwerfen, die Botschaften zu deuten, die Parteistrategen in den Bildern und Texten versteckt haben? Spannend!

Warum, fragen wir uns etwa, sieht Landeshauptmann Franz Voves auf dem neuen SPÖ-Plakat so keck an uns vorbei, die wir doch so sehr nach Blickkontakt, möglichst auf Augenhöhe, lechzen? Und was soll die orange-blaue Lichtorgel im Hintergrund? Deutet sie auf mögliche Allianzen, wenn wir am 26. September „Zukunft wählen“? Oder: Was bedeuten die ineinander verschränkten Hände von Landeshauptmannstellvertreter Hermann Schützenhöfer auf dem ÖVP-Plakat? Sollen sie von „Handschlagqualität“ zeugen, wie der Text meint? Warum sind sie dann zusammengeschlagen, warum schlagen sie nicht – mit einem Gegenüber – partnerschaftlich ein? Wollen sie sagen, dass man die besten Vereinbarungen am Ende doch mit sich selber schließt? Sind sie zum Gebet gefaltet? Wofür beten sie? Dass die Ferien bald um sind, die Vernunft wieder Einzug hält? Da wollen wir gerne einstimmen.

Thomas Wolkinger leitet die Redaktion des steirischen Falter


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