Selbstversuch

Die sind ganz anders als die vorigen

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 33/10 vom 18.08.2010

Ich sollte öfter über Möbel schreiben. Kaum schreibe ich einmal über Möbel, erhalte ich begeisterte Leserbriefe, das sei doch schön, weiter so, einmal was anderes als das ewige Geraunze. Und offenbar hätte ich mich nun auch endlich erholt, Gottseilobunddank. Naja. Das kann man so nicht sagen, nach netto fünf Tagen Urlaub. Wobei der Umstand, dass man beim Arbeiten nicht im klimatisierten Büro sitzt, sondern zwischen verschiedenen Grüntönen, die Arbeit einerseits erträglicher macht. Andererseits ist es trotzdem Arbeit, machen wir uns nichts vor. Es ist nur schwieriger, es seiner Umgebung, vor allem der minderjährigen, als solche zu verkaufen. Wenn ich an meinem Laptop sitze, arbeite ich, haben das jetzt alle verstanden? Nein. Weshalb ich nun dazu übergegangen bin, mit einem fetten Kopfhörer über den Ohren an meinem Laptop zu sitzen. Der Kopfhörer bedeutet: Ich bin gar nicht da. Ich bin im Büro. Ich bin im Büro und deshalb augenblicklich nicht in der Position, mich um das Mittagessen der Kinder zu kümmern, das Nintendo-Aufladekabel oder die Pinzette zu suchen, lustig mit Gästen zu plaudern oder hellzusehen, ob noch genug Milch da ist.

Man kann sich aber auch, wie im Moment der Fall, mit dem Laptop im Bett verstecken und Kopfschmerzen vortäuschen, was derzeit von der Brut eher respektiert wird als Erwerbsarbeit. Arme Mama. Im Gegensatz zu: miese Mama, die immerimmerimmer arbeitet und darob ihre armenarmenarmen Kinderchens vernachlässigt. Und dann noch nicht mal das dringend benötigte Pferd spendiert, sondern behauptet, es müsse jetzt einmal gespart werden, worauf Männer in braunen Uniformen große Kartons durch den Garten tragen, die noch ein Paar schwarze Stiefeletten enthalten und noch ein paar schwarze Stiefeletten, hast du nicht eh schon so viele schwarze Stiefeletten, Mutter? Erstens, Kind, sind die ganz anders als die vorigen und alle anderen und zweitens: Zügle deine Zunge, du sprichst ja schon wie dein Vater, das ist widerwärtig.

Wenngleich sich gezeigt hat, dass der Gleichmut, mit dem der Lange unlängst den Einzug des 73. Sessels quittiert hat, offenbar kein Einzelereignis war. Es herrscht in diesem Haus jetzt eine fast schon beängstigende Gelassenheit. Die Kinder machen sich Sorgen: Ihr streitet gar nicht mehr, lasst ihr euch jetzt scheiden? Tatsächlich begann der Lange kürzlich gegenüber Gästen einen Satz mit den Worten: „Früher, als ich noch negativ war ...“ Ja, Grüßgott!

Das mag eventuell damit zusammenhängen, dass der Lange erfolgreich seine alte Band reaktiviert hat, in der es, neben vielerlei künstlerischen Aspekten, doch auch sehr um Lärmmaximierung geht, was sich insgesamt sehr positiv und ausgleichend auf des Langen Gemütsverfassung und seine Familienantizipation auswirkt. Kann aber auch sein, dass wir, von uns selbst unbemerkt, einfach zu Buddhisten geworden sind, wär doch möglich.


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