Fragen Sie Frau Andrea

Lügen wie gedruckt, am besten wie die Zwiebel

Kolumnen | aus FALTER 33/10 vom 18.08.2010

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

können Sie mir verraten, woher der Ausdruck „Lügen wie gedruckt“ kommt? Eigentlich ist doch Gedrucktes vertrauenswürdiger als z.B. Information aus dem Internet, die meist ohne Lektorat oder Autorennennung erscheint. So gesehen müsste es eigentlich heißen: „Lügen wie gepostet!“ Vielen Dank!

Michael Huber, Alsergrund,

per Elektropost

Lieber Michael,

alle Kreter lügen. Das Paradoxon des Epimenides, eines Kreters und damit Lügners, wird von einem gewissen Paulus aus Tarsus im Neuen Testament zitiert. Es findet sich in einem der kürzesten Bücher der Bibel, einer Epistel an einen Mitarbeiter und Freund des Apostels, Titus, nach der Tradition erster Bischof von Kreta. Das Zitat – „Einer von ihnen hat gesagt, ihr eigener Prophet: Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche. Dieses Zeugnis ist wahr“ – ist ein griechischer Hexameter und wird genau wiedergegeben. Die Autorenschaft unterschlägt der Apostel. Der Kirchenschriftsteller Clemens von Alexandria (um 150 bis 215) wird den Satz einem der Sieben Weisen, dem vorsokratischen Philosophen, Seher und Reinigungspriester Epimenides, zuschreiben. Epimenides war Kreter. Dass Kreter lügen und Autoren die Zitate ihrer Kollegen nicht ausweisen, zeigt schon davor (im 3./4. Jh. v.Chr.) das Gedicht „Ad iovem“ des Kallimachos von Kyrene.

Epimenides’ Hexameter wird auch in einem Vierzeiler aus dem Gedicht „Cretica“ zitiert, es gilt aber als unechte spätere Konstruktion. Dass der Paulusbrief nach jüngster Forschungsmeinung gar nicht von Paulus stammt, möchte hier nur am Rand erwähnt sein. Unsere kleine Geschichte dient der Illustration der These, nach der Autorenschaft und Wahrheit Schall und Rauch sind. Die Metadebatte über gedruckte Lügen ist so alt wie das Drucken selbst. Neue Medien schüren neue Zweifel, wie Bismarck in einer Rede im Jahre 1869 bekundete: „(...) er lügt wie gedruckt, es wird vielleicht auch dahin kommen zu sagen: er lügt wie telegraphiert (...).“ Den Spieß umgedreht hat die US-amerikanische Satirezeitschrift The Onion. Die Tageszeitungsparodie verbreitet ausschließlich Lügen, wird aber bisweilen als seriöse Quelle missverstanden. Kommen doch nicht alle Zwiebeln aus Kreta.


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