Meinesgleichen

Abschied von Günter Schmidt

Falter & Meinung | aus FALTER 34/10 vom 25.08.2010

Das heurige Jahr ist, wie jedes Jahr, reich an Abschieden. Diese Woche: Günter Schmidt, der ORF-Korrespondent in Brüssel von 1992 bis 2002. Als Einmannbetrieb berichtete er vom Hineinwachsen Österreichs in die EU. Unvergessen sein Pokerface, wenn er Fragen aus der Wiener Provinz beantwortete und sich dabei weltmännisch seine Überlegenheit nicht anmerken ließ. Er war einer jener Journalisten, für die man den ORF lieben könnte, wenn der selber wüsste, was er an ihnen hat.

Mein Vorhaben, über diesen Einmannbetrieb zu berichten, habe ich leider nie verwirklicht. Die Idee dazu kam mir, als ich ihn in den 90er-Jahren am Werk sah, 16 Stunden am Tag, gleichermaßen – wie alle Brüssel-Korrespondenten – Radio und Fernsehen beliefernd, gelassen, sachkundig und souverän in einer Materie, die am anderen Ende der Leitung für vollkommen exotisch, ja bedrohlich angesehen wurde. Darüber verlor Günter Schmidt nie seine geradezu englische Zurückhaltung. Seine Tochter berichtet in der Wiener Zeitung den Ausspruch eines Kollegen, keiner habe so schnell gedacht und sich so langsam bewegt wie Schmidt. Ich kann bezeugen, er bewegte sich gar nicht so langsam. Er schien auch nicht besonders darunter zu leiden, dass man am anderen Ende der Leitung nicht jenes Europa sehen wollte, das er sah. Günter Schmidt tat jedoch alles, was er konnte, damit das nicht so blieb. So gab er Europa ein Gesicht. Er wurde nur 69 Jahre alt und starb überraschend letzte Woche.


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