Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 34/10 vom 25.08.2010

Die Verpackung nämlich ist die Botschaft

Die Grazerinnen und Grazer sind also nicht nur nicht massenpanikkompetent, sondern auch supermarktrushhourinkompetent. Genervte Verkäuferin: Tun’S Ihr Zeug weg, Sie halten mir ja den ganzen Betrieb auf! Siebzehnjähriges beeinträchtigtes Mädchen: Entschuldigung! Aber bitte sagens nicht Sie zu mir! GV: Ist ja gut, tun’s das jetzt weg! SbM: Bitte nicht Sie sagen, bitte nicht! So ging es ca. neunmal hin und her, und eigentlich waren beide den Tränen nah und der Dialog wurde immer inhaltsleerer, wie ein Wahlplakat auf einem Autobahnparkplatz. Wobei das Wort inhaltsleer selber schon sehr sinnlos ist, denn welche anderen Arten von leer sollte es denn sonst geben? Fragen der Entleerung stellen sich auch und vor allem in der zivilen Luftfahrt, und hartnäckig hält sich das Gerücht, dass es durch gefrorenes Entleerungsgut aus Langstreckenflugzeugen immer wieder zu Todesfällen in einsamen Landstrichen kommt. Es ist aber nur ein Gerücht, in Wahrheit wird alles in Container abgepackt und verschifft. Das Containerprinzip ist uns Binnenstädtern fremd, wird aber im Augarten veranschaulicht, wo eine Hungerstreikbox steht. Wir können von außen nur raten, ob sie wirklich mit einem Streikenden gefüllt oder doch leer ist, was aber nicht weniger wirkungsvoll wäre. Die Verpackung nämlich ist die Botschaft, und wir können in der Sonntagssonne alles in diese Box hineinprojizieren, vor allem wenn man sich vorstellt, wie es drinnen immer heißer wird und man sich ja trotz Hungerstreik immer wieder entleeren muss.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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