Selbstversuch

Mit Brutalitäten ist zu rechnen

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 34/10 vom 25.08.2010

Das Waldviertler Bullerbü-Idyll eskaliert. Es spielt Osthof gegen Westhof. Wasserbomben flogen und unreifes Obst. Gartenschläuche wurden eingesetzt. Und Fäuste. Am Ende gewannen, oder jedenfalls glauben sie das, die mit dem Testosteron. Die ohne spielen jetzt halt nicht mehr mit ihnen, was den Testosterönlern wurscht ist: noch.

Der Horwath sagt, ihm is auch wurscht, hat er weniger Kinder am Hals. Der Horwath hat im Moment minder gute Laune, weil der Nachbarbauer schüttet eine riesige Wiese direkt neben dem Horwath mit Dreck auf. Er tut es zu dem Zweck, dass die Wiese danach mit Dreck aufgeschüttet ist. Der Dreck kommt von einem, der am anderen Ende des Dorfs einen Hügel wegbaggert, der seinem Carport im Weg steht. Seit zwei Wochen brettern unablässig schwere Lkw voller Dreck durchs Dorf und leer wieder zurück. Wir lassen die Kinder nicht mehr auf die Straße, es ist zu gefährlich. Der Horwath kann vor lauter Staub nicht mehr in seinem Garten sitzen und kriegt immer dickere Kabel am Hals. Zum Glück hat er noch einen Innenhof zum Sitzen, nur rennen dort mittlerweile derart viele Sulmtaler in allen Größen herum, dass die Menschen kaum mehr durchkommen.

Gegessen haben wir immer noch keins. Weihnachten, sagt der Horwath, und dass die ersten Hendln jetzt leider schon zu alt sind und die andern noch zu klein. Jaja. Die Horwath’sche Hühnerzucht wird die weltweit erste sein, in der Hennen alle glücklich an Altersschwäche verscheiden. Eins hat sich schon im Hühnerstall hingelegt und ist friedlich und gewaltfrei entschlafen, zufällig, als die Horwaths einen Tag nicht da waren, und so hat es eines der Mimis gefunden, als es in meinem Auftrag drüben Eier fladern sollte. Aber Eier gibt es auch keine mehr, die werden jetzt alle bebrütet. Nächstes Jahr wird der Horwath eine Batzen Hendlfarm haben, weil es der Populationsexplosion sehr förderlich ist, wenn weder Hendln noch Eier verzehrt werden. Ich werde nie erfahren, wie ein Sulmtaler schmeckt.

Hoffentlich ist dann die Dreckswiese vom Bauern wieder mit Gras überwachsen, sonst weiß ich nicht, wo der Horwath sitzen soll, außer drinnen. Oder bei uns. Aber zu uns kommt er seit dem Kinderkrieg auch nicht mehr. Seit dem Krieg gehen die Mimis nicht mehr zu den Horwaths, und der kleine Horwath kommt zu uns sowieso nicht, auch nicht in Friedenszeiten, weil er sich, soweit es das Gesetz erlaubt, nur auf Grundstücken aufhält, wo er das Sagen hat. Oder wo wenigstens das Personal wesentlich besser spurt als bei uns, wo Kinder mitunter Brutalitäten wie den Worten „nein“, „jetzt nicht“ und „du bist acht Jahre alt, hol/mach/streich es dir selber“ ausgesetzt sind. Was den Horwath kürzlich zu der Bemerkung verleitete, es wundere ihn nicht, dass die Kinder bei uns nicht gern seien ... Jaja. Der Lange und ich sind Kindern im Prinzip gar nicht zumutbar. Nur die Mimis wissen das nicht: noch nicht.


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