Katastrophenfilm & Filmkatastrophe: Reinhold Bilgeris Kinodebüt „Der Atem des Himmels“

Feuilleton | aus FALTER 35/10 vom 01.09.2010

Filmkritik: Michael Omasta

Es ist ein herrlicher Spätsommertag, als Erna in dem kleinen Dorf in den Vorarlberger Alpen ankommt. Mit einem Ruck kommt der Jeep zum Stehen, die Einheimischen gaffen, und mit elegantem Schwung steigt die ganz in Weiß gekleidete Frau aus dem Wagen – Großaufnahme: in einen Kuhfladen hinein.

Was inszenatorisches Raffinement betrifft, hat der Film mit dieser Szene sein Potenzial bereits ausgeschöpft. So sieht es aus, wenn zwei Welten „aufeinanderprallen“ wie jene der verarmten Adeligen und der einfachen Bergbauern. Es ist Minute 10 von 128.

Reinhold Bilgeri, von Beruf eigentlich Musiker, setzt als Filmemacher auf die gröbsten Effekte. „Der Atem des Himmels“ basiert auf der Geschichte seiner Mutter, die 1953 einen Posten als Lehrerin in Blons antrat. Im folgenden Winter machten Lawinen das Dorf im Großen Walsertal dem Erdboden gleich. Unter den Einwohnern waren 57 Tote zu beklagen.

Die historische Katastrophe nahm am „11. Januar 1954, 10.04 Uhr“ (Insert) ihren Lauf. Dank Computertechnik ist man hautnah dabei. Ansonsten hätte der Film genauso gut 1954 gedreht worden sein können. Immerhin geht’s ja auch um ewigliche Dinge: die Natur, den Berg, das Leid, die Liebe.

Blöd nur, dass es in den 1970ern den „kritischen Heimatfilm“ gab. Freiwillig hinter ein gewisses Maß an Genrereflexion zurückzufallen, wie Bilgeri das als Autor, Regisseur und Produzent tut, gereicht dem Selfmadetycoon durchaus nicht zur Ehre.

Immer wieder saust die Kamera von links nach rechts oder von oben nach unten: total entfesselt, total sinnlos, total blind. Dazu schäumt Szene für Szene eine neue Musiksauce auf. Fragt sich nur, weshalb? Damit einem die Dialoge weniger fad sind?

Reinhold Bilgeri nennt den Film sein „Lebensprojekt“. Umso bedauerlicher, dass seine Mache so anonym wie die irgendeines x-beliebigen Fernsehprodukts ist.


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