Selbstversuch

Leider habe ich bis 2018 keinen Termin mehr frei

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 35/10 vom 01.09.2010

Wieder etwas gelernt: Es ist nicht zwingend, dass ein Mensch, der mehrere Tage in deinem Haus zu Gast ist, auch mit dir spricht. Man könnte meinen, das sei schwierig, ist ja kein großes Haus, aber wenn der Gast jedes Zimmer, das du betrittst, sofort wortlos verlässt und sich beim Essen stets an den weitestentfernten Platz setzt, funktioniert es erstaunlich reibungslos. Es ist gewöhnungsbedürftig, aber machbar: Aha! So kann man das Gastsein also auch gestalten! Hej!

Die meisten Gäste kamen aber, das lässt sich am Ende eines gästereichen Sommers sagen, nicht, um nicht mit mir zu sprechen. Es saß viel freundliches, fahrendes Volk im Schatten des Birnbaums, aß, trank, lachte, scherzte mit den Mimis und hörte ihre Gschichterln ab (und er so: wusch! Und sie so: waaah!) und redete ganz normal mit mir. War schön. Überhaupt: Der Sommer war sehr schön. Ich hab geschafft, was ich schaffen wollte. Es gab wenig Streit. Die Kinder spielten, ritten, schwammen und kajakierten. Ich war oft glücklich. Der Lange, glaube ich, auch. Der Horwath kam wieder und brachte Eier mit. Die Rosen blühten fabelhaft. Das Leben war gut zu uns. Allerdings hat mich der Sommer am Land vollständig verunstaltet. Es ist eine weitverbreitete, total bizarre Illusion, dass man am Land gesünder lebe. Tut man nicht. Man bewegt sich zu wenig, isst zu viel, wird von Gelsen zerstochen, von Dornen und Katzen zerkratzt, von der Sonne verbrannt und hat, weil man ja täglich ausschlafen kann und überdies weitgehend unbeobachtet ist, keinen Grund, nicht täglich Alkohol zu trinken, und zwar, da man weitgehend unbeobachtet ist, auch zu dafür nicht vorgesehenen Tageszeiten. Wenn jetzt in diese Landsommerzeit ein wichtiger Fototermin fällt, ist das, sagen wir, suboptimal. Anweisung an den Fotografen: Der Ziel-Look ist kompetent, Ende 30, sympathisch, ernsthaft, seriös und trotzdem sexy. Und, ach ja: dünn. Der Fotograf: Wart, ich schau kurz wegen eines Termins ... ach, Scheiße, leider hab ich die nächsten 400 Wochen keinen frei. Nein, das hat der Pertramer nicht gesagt. Der Pertramer hat gesagt: Hahaha!, aber o.k., das schaffen wir irgendwie, und wir haben’s auch irgendwie geschafft, obwohl ich schon von dem ganzen suprigen Leute-Buch, das der Pertramer vollfotografiert hat*, die, hab ich gehört, konkurrenzlos Schwierigste gewesen sein soll. Ich bevorzugerte den Begriff „anspruchsvoll“, aber bitte.

Und sonst bin ich, glaub ich, ganz nett. Ich glaube ans Nettsein. Ich glaube, man sollte freundlich und nachsichtig sein zu den Menschen, die einen gern haben und die man auch gern hat. Ich glaube, man sollte nicht leichtfertig den paar Menschen wehtun, die es im Leben gut mit einem meinen, weil man sich am Ende selber wehtut. Aber jeder lebt, wie er will. Jeder spricht nicht mit seinen Gastgebern, wenn er nicht will. Ich glaube nicht, dass es gut ist, aber, hej, es ist möglich.

* Ingo Pertramer: Arbeit. Metro Verlag, € 25,–


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