Neu im Kino

Archivar des Amok-Alltags: Moullets, ,Terre de la folie“

Lexikon | Drehli Robnik | aus FALTER 35/10 vom 01.09.2010

Abgeschottet, voller ominöser Ortsschilder und verrückter Schildbürger mit Schilddrüsenfehlfunktion, liegt es in den Alpen: ein „Land des Wahnsinns“. Das passt in einen Kinosommer, der uns einen Tiefbau der Träume hingeklotzt hat, und in ein (Alpen-)Land, in dem es Wahnsinn nicht gibt, weil er hier Rassismus heißt und Staatsnorm ist.

Luc Moullets „La terre de la folie“ allerdings liegt in den französischen Niederalpen. So wie die gleichnamige satirische Doku es schildert, macht die abgenutzte Metapher vom Film als Landvermessung wieder Sinn; geht doch der Regisseur mit dem Land auf eine Art um, die hochgradig vermessen ist (oder wahnsinnig). Das Wahnsinnsland, aus dem er selbst stammt, Moullet steckt es ab, schwenkt es ab, fragt es ab – Ersteres mit Stecknadeln und Gummiring auf der Landkarte, als „Fünfeck des Wahnsinns“ mit Städten, Dörfern und Almen; Zweiteres mit hin und her gerissenen, herrlich herbstgetönten Kamerablicken in Täler und Hänge; das Dritte in Gesprächen mit lokalen Zeugen.

Die erzählen, im Wechsel mit minimalistischen Rekonstruktionen, von mysteriös gehäuften Morden; von Auszuckern und Amokläufern; vom Vater, der seine Tochter zerstückelte und im Polizeiverhör eine Brettljause aß; von einer Tante Moullets, die von der Paragliderpiste sprang – in ihrem Volvo. Ständig kommt es zu Immolation und Emulation – zu Opferung, etwa durch Selbstverbrennung und zu Nachahmungstaten. Ist der Wahnsinn ansteckend? Kommt er, als Schilddrüsenkrankheit, vom Salzmangel? Oder vom dauernden Wind?

Moullet macht seit 1960 kauzige Spieldokus über die Formenvielfalt der verwalteten Arbeitswelt oder von Aushubhaldenlandschaften; heute ist er 73, sieht aus wie neunzig und agiert inmitten inventarisierten Wahnsinns. Einer seiner Ahnen lief um 1900 mit der Axt Amok; er selbst, so Moullet, sei stolz auf sich, er habe niemanden umgebracht – bis jetzt noch nicht. Dafür hat er einen urlustigen Superfilm gemacht.

Ab Fr im Filmhauskino (OmU)


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