Neu im Kino

„Das Leben ist zu lang“, ein Neurotikerlustspiel

Lexikon | aus FALTER 35/10 vom 01.09.2010

Was ist der Unterschied zwischen einem amerikanischen Film übers Filmemachen und einem deutschen? Der deutsche beginnt damit, dass eine Stimme sich fürs Zuschauen bedankt und bittet, man möge sich von der gähnenden Leere des Kinosaals nicht irritieren lassen.

Der Film heißt „Das Leben ist zu lang“, und die Stimme stellt sich als Filmemacher Alfi Seliger (Markus Hering) vor. Diesem hypochondrischen, arbeitslosen Nebbich macht Regisseur und Autor Dani Levy („Alles auf Zucker!“, „Mein Führer“) in seiner neuen Komödie das Leben schwer: Die Bank gibt das Angesparte nicht heraus, die Gattin (Meret Becker) hat das Stellunghalten satt, und der Produzent von Seligers geplanter Komödie über die Mohammed-Karikaturen (Arbeitstitel: „Mo-haha-mmed“) benimmt sich unberechenbar.

Was als alltagsnahes Neurotikerlustspiel mit Starbesetzung beginnt (sogar sein Arzt, merkt Seliger, „schaut aus wie Heino Ferch“), mutiert unterwegs zur Metakomödie: Ermutigt von seinem Therapeuten (Udo Kier) versucht Seliger Selbstmord und erkennt im Koma, dass er bloß eine wehrlose Filmfigur ist.

Trotz der offensichtlichen Woody-Allen-Bezüge klingt in „Das Leben ist zu lang“ eher die strukturellere Gedankenspielkomik von Charlie Kaufman („Being John Malkovich“) oder den Coen-Brüdern an: Streckenweise wirkt Levys neuer Film wie eine Partnerarbeit zur Coen’schen Hiobs-Farce „A Serious Man“ – mit dem entscheidenden Unterschied, dass Seliger seinen Schöpfer und Peiniger auf Augenhöhe zur Rede stellen darf. Überhaupt wirkt Levys Film neben solchen Vergleichsgrößen jüdischer Verzweiflungskomik zugleich grob gestrickt und sympathisch leichtfüßig. Js

Ab Fr in den Kinos


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