Theater Kritik

Claudias Dialog mit der Klomuschel

Steiermark | Florian Labitsch | aus FALTER 35/10 vom 01.09.2010

Die Frau als Lustobjekt, als Projektionsfläche für maskuline Weiblichkeitsimaginationen: Diese Themen greift die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in ihrem dramatischen und erzählerischen Œuvre immer wieder auf. So auch in dem Stück „Körper und Frau“, das Ernst M. Binder bereits im Jahr 2002 im Grazer MUWA uraufführte und nun auf die Bühne von „dramagraz“ bringt.

Im Fokus des Stücks steht das Unterwäschemodel Claudia (Juliane Werner), das nicht zufällig den gleichen Vornamen wie ein deutsches Supermodel trägt. Mit Claudias monologischen Reflexionen über ihre Rolle im Modebusiness entlarvt Jelinek die herrschenden Kleidungsnormen, Schönheitsideale und damit verbundenen Verdrängungsmechanismen: „Ich beschäftige mich mit Kleidung, damit ich mich nicht mit mir beschäftigen muss“, sagt das Model programmatisch. Dabei entspricht die Dramaturgie des Stücks dem Reflexionsprozess: Sitzt Claudia zu Beginn des 50-minütigen Dramas noch im roten Samtkleid auf einem Sockel, so sieht man erst später, dass sich darunter eine weiße Klomuschel verbirgt. Das Model zieht sich dann aus, bis sie nur noch in Unterwäsche dasteht und mit einer Stimme aus der Klomuschel Zwiesprache hält, die fordert: „Claudia, bleib in deinem Körper.“ Aus dem Monolog wird ein Dialog.

Jelineks radikale, noch immer hochaktuelle Gesellschaftskritik übersetzt Ernst M. Binder in eine auf das Wesentliche reduzierte, äußerst gelungene Inszenierung, die alles auf eine Karte und Darstellerin Juliane Werner setzt: Und die Karte sticht. Werner spricht und schreit in beeindruckender, weil verstörender Weise Jelineks Sprachformeln, die unserer Konsumwelt den Spiegel vorhalten und ungeschminkt zeigen: den Körper als permanente Diskursmasse.

dramagraz, Fr, Sa, Mi, Do 20.30


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