Ohren auf

Transkontinentales Händeklatschen

Sammelkritik

Lexikon | Klaus Nüchtern | aus FALTER 36/10 vom 08.09.2010

Das Lincoln Center auf der Upper West Side New York ist die wohl berühmteste Kulturagglomeration von New York und beherbergt u.a. die Met. Im Lincoln Centre lernte, lehrt und wirkt der Trompeter Wynton Marsalis, der dogmatische Jazz-Traditionalist, der das Jazz at Lincoln Center Orchestra mit der zwölfteiligen „Victoria Suite“ (2 CDs, Universal) versorgt und damit über den großen Teich zum Jazzfestival ins baskische Vitoria-Gasteiz gebracht hat. Als „Außenseiter“, erklärt Marsalis, könne man zwar nicht im Stile spanischer Musiker spielen, habe aber immerhin versucht, „Elemente der regionalen Musik in den Klang des Jazz zu übersetzen.“ Ganz so hört es sich auch vom ersten Stück weg an, das mit rhythmischem Händeklatschen beginnt. Wir assoziieren „Flamenco“ – noch bevor Stargast Paco De Lucia in die Nylonsaiten greift, was sich zunächst ein bisschen wie hyperaktiver Ellington anhört, dekliniert diverse Hispanismen im Spektrum zwischen Clownerie, Nostalgie und swingender Rasanz durch: kulinarisch und technisch brillant.

Weniger extrovertiert hört sich der klingende Kontinentalreisende an, den die aus Tokio stammende und ebenfalls in New York beheimatete Violinistin Meg Okura mit ihrem achtköpfigen Pan Asian Chamber Jazz Ensemble (2 Streicher, 2 Flöten und Rhythmusgruppe) zu Gehör bringt: John Coltranes Titelstück „Naima“ (Megokura) als impressionistische Kammermusik. Das klangfarbenfrohe Crossover ist nicht ganz kitschresistent, hat in seiner Kombination aus schlichter folkloristischer Melodik und raffinierter groovender Rhythmik aber was eigenartig Anrührendes.

Die Anverwandlung südafrikanischer Kwela-Musik, die die Musiker von Tommy Meier Root Down auf den Live-Mitschnitten von „The Master and the Rain“ (Intakt) leisten, kommt ganz ohne Kulturtransferideologie aus: Eigenkompositionen des Bandleaders sowie Coverversionen von Fela Kuti und Chris McGregor erweisen sich als ethnokitschfreier elektrisierender Energieschub und astreiner Afro-Agit-Jazz made in Switzerland.


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