Vor 20 Jahren im Falter

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | aus FALTER 36/10 vom 08.09.2010

Nicht ins Grab

Im Wiener Rathaus fand – das erste Mal in den 107 Jahren, seit der neugotische Bau stand – eine jüdische Hochzeit statt. Die Tochter Leon Zelmans heiratete. Bürgermeister Zilk hatte Zelmans Bitte spontan entsprochen und das Rathaus für 1500 Gäste geöffnet. Marta S. Halpert berichtete von der bewegenden Zeremonie. Leon Zelman war Gründer des Jewish Welcome Service, des Jüdischen Echos und ein großer Freund dieser Zeitung.

Außerdem standen Nationalratswahlen bevor. Franz Vranitzky ließ sich mit einem Foto plakatieren, das ihn vor einem riesigen Birnbaum zeigte. Die FPÖ versuchte mit dem aus heutiger Sicht eher merkwürdigen Pärchen Jörg Haider/Heide Schmidt zu punkten, während die ÖVP mit dem Satz: „Vorsicht, jede Stimme für die FPÖ nützt den Sozialisten“ ihr Publikum verblüffte.

Aber das interessierte den Falter weniger als das Schicksal der AZ. Diese Tageszeitung war schon so gut wie eingestellt, da war Rettung in Sicht. Ein Foto zeigte die erleichterte AZ-Redaktion um die Chefs Peter Pelinka und Georg Hoffmann-Ostenhof. Am linken Rand des Konferenztischs sitzt traurigen Angesichts Karl-Heinz Petritz. Dieser AZ-Redakteur wurde später als Assistent Jörg Haiders bekannt.

Die Parteifarben begannen in jener Zeit zu schillern. Um die Rettung der roten AZ bemühten sich deren Leser. Sie brachten Tausender in die Redaktion, boten ihre Pensionen an und zeichneten Anteilsscheine in der Höhe von 14 Millionen Schilling (die AZ wollte die Zeitung im Eigentum der Leser werden). Es bemühten sich Hannes Androsch, André Heller, der Treffen in seiner Villa organisierte. Und Günther Kerbler, Selfmademann, Bank- und Versicherungskaufmann, der rechtzeitig in den Immobilienmarkt eingestiegen war. Beraten wurde er von seinem Mitarbeiter Pius Strobl, dem ehemaligen Bundesgeschäftsführer der Grünen. Kerblers Motto machte die AZler froh: „Das Geld kann ich nicht ins Grab mitnehmen. Da mach ich lieber etwas Sinnvolles damit.“ AT


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige