Enthusiasmuskolumne

Sang-, sänger- und trostlos in Ffm

Diesmal: Die besten Frühpensionisten der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 36/10 vom 08.09.2010

Dass man es als „Tatort“-Habitué in diesen Tagen nicht leicht hat, ist eine gelinde Untertreibung: Kiel muss nach dem Abgang von Maren Eggert ohne das erotische Knistern zwischen Klaus Borowski und Frieda Jung auskommen; München hat das Ausscheiden von Carlo Menzinger nie restlos verwunden; in Münster legen Börne und Thiel hohe Rollendisziplin an den Tag und blödeln sich dem Vorruhestand entgegen; und in der ersten Erstausstrahlung nach dem Sommertatortloch hatte Lena Odendahl in Ludwigshafen nicht nur mit ihrem 50. Fall, sondern auch mit dem schlechtesten Drehbuch dieses Sonnensystems zu kämpfen. Und jetzt auch noch das!

Nach nur neun Dienstjahren (Odendahl: 22) gaben vergangenen Sonntag die Frankfurter ihre Dienstpistolen ab – metaphorisch gesprochen, denn das Dienstende von Charlotte Sänger und Fritz Dellwo ging in „Am Ende des Tages“ ziemlich sang- und klanglos über die Bühne, lag doch der gewohnt lichtschwache Spot auf ihrem Ex-Chef Rudi Fromm (Peter Lerchbaumer), dem just am Tag des Abschieds die Freundin erschossen wurde.

Dergleichen unerlöste Trostlosigkeit ist selten im Fernsehen und war das Markenzeichen des Frankfurt-„Tatort“, seitdem im dritten Fall des Teams („Das Böse“, 21.12.2003) Sängers Eltern ermordet wurden – pikanterweise von Ulrich Tukur, der in Zukunft fallweise in Ffm ermitteln wird. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen verdanken wir dem spröden, von Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf ungewöhnlich uneitel und unmanieriert dargestellten Paar (sowie den exzellenten Drehbüchern und Darstellern) die ambitioniertesten und schönsten „Tatorte“ der letzten Jahre: vom Grimme-Preis-nominierten „Der tote Chinese“ über den Hessen-Western „Neuland“ bis zum grandios durchgeknallten Melo „Weil sie böse sind“. Schlimm, aber nicht zu ändern – und wohl nur mit der zärtlich-wehmütigen Lakonie zu kommentieren, für die sich stilsicher Charlotte S. entschied: „Och, Fritze.“


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