Selbstversuch

Schau, ich kann mit zwei Händen schnipsen

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 36/10 vom 08.09.2010

Ab wann kann man von Kindern erwarten, dass sie die Erwerbstätigkeit ihrer Mutter respektieren? Ich warte jetzt seit acht Jahren darauf und es passiert: nichts. Jedes Jahr denke ich: Heuer wird es gehen. Ab heuer werden sie meine Berufstätigkeit mit Respekt und einem gewissen Stolz anerkennen. Nix. Denn offenbar tut man den Kindern keinen Gefallen damit, dass man sich müht, in den Ferien zwei Monate lang mit ihnen zusammen an einem schönen Ort zu sein, wo man in der Früh ewig mit ihnen im Bett kuschelt, mit ihnen ins gschissene Freibad schwimmen fährt, ihnen ein Dutzend Mal am Bauernhof beim Reiten zuschaut (was hübsch fad ist), mit ihnen Kanu fährt, Schwammerl suchen geht und abends am Feuer sitzt. Nein. Was vom Tage übrig bleibt: Die Mutter sitzt ununterbrochen vorm Computer. Und das ist sooo megagemein.

Zwei Monate lang habe ich den Mimis gleichmütig immer wieder erklärt, dass ich zwar nicht im Büro sein, aber dennoch ein paar Stunden am Tag arbeiten muss. Zwei Monate lang haben sie mich nach Lust und Laune dabei unterbrochen. Am letzten Ferientag sind zwei Dinge passiert. Die Mutter setzt sich hinter ihren Laptop und verkündet, dass sie jetzt arbeitet. Bitte nicht stören. Nach fünf Minuten kommt Kind eins und will über Jedi Ritter reden. Die Mutter erklärt, sie muss jetzt arbeiten. Nach zehn Minuten kommt das Kind und will wissen, wann sein Lieblingsleiberl endlich gewaschen wird, das liegt jetzt schon seit 20 Minuten im Wäschekorb, ohne dass sich irgendwer darum kümmert. Die Mutter erklärt in etwas festerem Tonfall, dass sie jetzt arbeiten muss, jetzt also nicht. Nach zwölf Minuten kommt das Kind, stellt sich so lange neben die Mutter, bis diese ihren Gedanken unterbricht, ihren Gedanken fallen lässt, für immer und ewig und unwiederbringlich im finsteren Loch des Vergessens verliert und sagt: Schau, ich kann mit beiden Händen gleichzeitig schnipsen.

Gut, ich gestehe, da bin ich ein wenig ausgerastet. Du bist acht! Einer Achtjährigen mit Garten ist eine arbeitende Mutter zumutbar! Kapier das jetzt endlich! Was das zweite Kind auf den Plan rief beziehungsweise weckte, welches sich sodann vor seinen Kakao und sein Nutellabrot setzte und mit progressiv nässenden Augen sein grausames Schicksal beklagte. Dass es eine Mutter habe, die permanent arbeite und sich nie nie nie kümmere. Und nie könne man mit ihr einfach so sprechen. Und jeden Tag müsse man bis halb vier, manchmal bis vier (!!!!) im Hort bleiben. Und die Mutter hielt den Mimis wieder einmal eine Batzen Rede über Privilegiertheit und Verwöhntsein, und es war wie immer vollkommen für den Hugo.

In einer deutschen Studie beklagten sich 17 Prozent der Kinder Vollzeit arbeitender Erziehungsberechtigter darüber, dass ihre Eltern sich zu wenig um sie kümmerten. Bei den Kindern nicht arbeitender Eltern waren es 28 Prozent. Das glaube ich sofort.


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