Kritik

Ein Meerschweinchen namens Karl Kassbach

Lexikon | aus FALTER 37/10 vom 15.09.2010

Der alte Karl Kassbach war Gemüsehändler in der Brigittenau, Weltkriegsveteran und Mitglied einer rechtsradikalen „Initiative“, mit der er Ausländer und Linke bekämpfte. Der neue Karl Kassbach ist Gastronom im dritten Bezirk, Sohn eines Weltkriegsveteranen und patroulliert nachts für die Bürgerinitiative „SOS Landstraße“ durch den Bezirk. Nach dem Erfolg von „Kottan ermittelt – Rabengasse 3a“ (2009) hat der Rabenhof mit „Kassbach“ erneut einen Helmut-Zenker-Klassiker aus den 70er-Jahren in die Gegenwart verlegt. Der Faschist von nebenan, wie ihn Zenker in seinem Roman von 1974 und Peter Patzak in seiner Verfilmung von 1979 porträtierten, sieht heute anders aus. So smart wie Hans Piesbergen zum Beispiel, der im Rabenhof den Kassbach gibt. Oder so lieb wie Kassbachs Kumpel Erwin (Gerald Votava), der treuherzig erklärt, die Juden hätten den Holocaust nachträglich erfunden. „Aber wenn man das sagt, ist man ja gleich ein Nazi!“

Wie im Original hat Kassbach auch in der von den Zenker-Söhnen Jan und Tibor geschriebenen Neufassung trostlosen Sex mit einer Untergebenen (Petra Staduan als junge Kellnerin), ein extrem gespanntes Verhältnis zu seinem Sohn (Joe Ellersdorfer) und ein Faible für Meerschweinchen, mit denen er sadistische Experimente macht. Ungerührt wie Kassbach in den Meerschweinchenkäfig blickt umgekehrt Anatole Sternbergs kühle Inszenierung auf Kassbach. Dass einem der Mann nicht recht nahe kommt, liegt aber weniger an der distanzierten Regie als am Stoff selbst. „Kassbach“ war und ist eine ziemlich eindimensionale Geschichte; und während es in den 70ern schon eine Sensation war, einen Neofaschisten zu porträtieren, ist das heute leider keine mehr. WK Rabenhof, Sa, So 20.00


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