Neu im Kino

George Clooney, der stille Amerikaner

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 37/10 vom 15.09.2010

Die Figur des einsamen Killers, der einen letzten Auftrag annimmt, um mit der Welt und sich selbst ins Reine zu kommen, ist – dem französischen Gangsterfilm und Klassikern wie Jean-Pierre Melvilles eiskaltem „Le Samouraï“ zum Trotz – zuallererst eine amerikanische. In Anton Corbijns „The American“ verschlägt es George Clooney als namenlosen Amerikaner in ein italienisches Bergdorf, um dort einem letzten Befehl zu gehorchen. Und das heißt vor allem zu warten, an einem Gewehr herumzufeilen und sich in die Dorfhure zu verlieben.

Streckenweise funktioniert das Durchexerzieren der Genreparameter überraschend gut, etwa wenn die Erzählung scheinbar auf der Stelle tritt, ihren Protagonisten aber tatsächlich im Kreis laufen lässt. Zum Problem werden „The American“ aber sein Hauptdarsteller und sein Regisseur: Als ob er dem ihm vorauseilenden Ruf des Starfotografen gerecht werden müsste, inszeniert Corbijn mit möglichst extremen Auf- und Untersichten, setzt den stillen Amerikaner – wohl als Sinnbild der Entfremdung – wiederholt ins Abseits und lässt seine ohnehin schablonenhaft angelegten Nebenfiguren – also Frauen und Dorfpfarrer – völlig außer Acht. Und dass George Clooney nicht imstande ist, als schweigsamer Einzelgänger einen Film zu tragen, weiß man seit „Michael Clayton“.

Das eigentliche Dilemma liegt jedoch woanders: Gerade der Auftragskiller, der als Outlaw nur den eigenen Gesetzen folgt und sich jenen der Gesellschaft entzieht, ist im Kino seit jeher ein Wunschbild jener, die den Gesetzen des Alltags zu folgen haben. Das birgt nicht nur spannendes, sondern auch politisches Potenzial. Doch dafür zeigen Starfotograf und Starschauspieler entgegen dem im Stil der politischen 60-Jahre gehaltenen Werbeplakat kein Interesse.

Neu im Kino (OF im Artis, Haydnkino; OmU im Votiv)


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