Enthusiasmuskolumne

Diesmal: Die beste Vorlesung der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 37/10 vom 15.09.2010

Mund auf, Mund zu – dabei bist du!

Demnächst beginnt die Unisaison wieder, aber die Vorlesungsvorfreude wird sich auf beiden Seiten vermutlich in Grenzen halten, denn zum Ort, an dem rhetorische Feuerwerke abgebrannt werden, um maximalen auditiven Genuss zu erzielen, wird das Audimax nur in Ausnahmefällen.

Eine ganze Reihe solcher Ausnahmefälle ereignete sich im Wintersemester 1984/85 im Hörsaal VI der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt. Bereits nach dreieinhalb Minuten brandet Applaus auf. Von Anfang an zweifelt man keine Sekunde daran, dass der Vortragende mit Freude und Feuereifer bei der Sache ist, obwohl er beteuert, dass er nur „aus rein organisatorischen Gründen“ ein Thema gewählt habe. Immerhin: „Das Öffnen und Schließen des Mundes“, so besagtes Thema, werde „von meiner Seite immer im Gedanken an Ihre Ohren geschehen, die etwas aus meinem Inneren in Ihr Inneres zu transportieren haben werden – an die Stelle in Ihrem Inneren, wo es denkt“.

In solchen Sätzen, die den Kommunikationsakt ungewohnt grundsätzlich und akribisch beschreiben, manifestiert sich die ganze poetische Potenz des Redners, die dessen Anspruch „auf ein Arbeiten in gründlicher Simplizität“ vollkommen entspricht. Hinzu kommt ein „bedeutender mimischer Aspekt“, den der Vortragende in Hinblick auf eine bestimmte Subspezies seiner Gedichte herausstreicht, der darüber hinaus aber für die Gesamtheit der insgesamt fünf Poetikvorlesungen charakteristisch ist: 263 Minuten lang kann man sich nun – der Filmedition Suhrkamp sei Dank! – am Öffnen und Schließen des Mundes und am Heben und Senken des Blickes von Ernst Jandl ergötzen.

„Blütenweiszes Hemd dunkle Krawatte, man hängt an seinen Lippen“, wird Friederike Mayröcker später schreiben. Das stimmt nicht ganz: Krawatte trug Jandl keine, und das Hemd war in erster Linie das männliche Pendant einer Transparentbluse, unter der ein klassisches Feinrippunterleiberl zu sehen ist.


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