22 Jahre danach: Wie funktioniert Thomas Bernhards „Heldenplatz“ ohne Peymann und Waldheim?

Feuilleton | aus FALTER 37/10 vom 15.09.2010

Theaterglosse: Wolfgang Kralicek

Dass Thomas Bernhards „Heldenplatz“ dereinst in der Josefstadt laufen würde, wäre vor 22 Jahren undenkbar gewesen. Umgekehrt lässt sich heute nur schwer nachvollziehen, warum die Uraufführung 1988 am Burgtheater als größter Theaterskandal der Nachkriegszeit Geschichte machte.

Natürlich wird da geschimpft, was das Zeug hält. Auf Sozialisten und Kolumnisten, auf Wiener und Oberösterreicher, über alles und jeden. Aber um zu begreifen, warum das Gesudere damals die Republik erschütterte, muss man sich die Rahmenbedingungen dazudenken: „Heldenplatz“ platzte mitten in die Debatten um Bundespräsident Kurt Waldheim und Burgtheaterdirektor Claus Peymann, die erst zwei Jahre davor fast zeitgleich ihre Ämter angetreten hatten.

Trotzdem war es eine gute Idee, das Stück wieder auf eine Wiener Bühne zu bringen: Was bleibt vom „Heldenplatz“, wenn man ihn aus seinem zeitgeschichtlichen Kontext löst?

Erster Eindruck: „Heldenplatz“ ist auch nur ein Theaterstück. Ungewöhnlich daran ist vor allem, dass der Protagonist nicht auftritt. Wenn das Stück beginnt, ist der jüdische Professor, um den sich alles dreht, bereits aus dem Fenster seiner Wohnung am Heldenplatz gesprungen. Und die Hinterbliebenen, vor allem Bruder Robert, nutzen die Chance, endlich einmal zu Wort zu kommen.

Der frühere Peymann-Assistent Philip Tiedemann hatte schon öfter Erfolg mit Stücken, die sein Ex-Chef einst zur Uraufführung gebracht hatte. Diesmal ist ihm kein ganz neuer Blick auf das Stück gelungen; nicht nur das Bühnenbild sieht fast wie damals aus. Den entscheidenden Unterschied macht der Hauptdarsteller: Michael Degen legt den Robert nicht als bitteren Zyniker, sondern als Komiker an, der Spaß an seinen Pointen hat.

Heute lachen wir darüber. Es gibt also doch Fortschritt auf der Welt. Oder sagen wir: in der Josefstadt.


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