Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 37/10 vom 15.09.2010

Liebe Leser, wir distanzieren uns!

Fangen wir also am Land an, genauer in einer kleinen Umlandgemeinde, die wir zur Sicherheit A. nennen wollen, wo auf freiem Feld ein Haus steht, vor dem ein Moped mit quietschenden Reifen vorfährt, von dem ein Mann absteigt und sagt, er ist von der Gemeinde. Die Hausbewohnerinnen und Hausbewohner eilen freundlich aus dem Haus, können den Inhalt seiner Tasche nicht sehen und antworten freundlich beiläufig auf die Fragen, wie es ihnen als neuen A.-Bewohnern denn so geht und ob man vielleicht irgendwas tun kann. Erst im Laufe des Gesprächs dreht sich der Mann mit dem Moped, und wir sehen die Flugzettel, die ganz banal von der FPÖ sind, und die Stimmung ist sofort im Eimer, man schaltet auf stur und möchte am liebsten einen nassen Fetzen zur Wegweisung verwenden und dann auch gleich die Schleimspur damit wegputzen. Und dann sagt der Mann etwas Wundersames. Er sagt: „Verwechseln Sie nicht mich persönlich mit dem, was in den Medien ist, was Unsere da in den Medien sagen zum Beispiel.“ Der gute Mann redet sich in einen Strudel, denn eigentlich geht es ihm nur um Schulbusse. Vom anderen distanziert er sich. Von Terror natürlich sowieso und von Gewalt und so. So wird eine richtig feine Anti-FPÖ-Hasspredigt aus seiner Anmache, und man möchte ihm jetzt doch gerne einen Apfel schenken, höchstens vielleicht mit einem kleinen Glassplitter drin. Von dieser und ähnlich gelagerten Gewaltfantasien distanzieren wir uns überhaupt aufs Schärfste.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige