Kritik

Eingekreist von der Ringstraße des Regimes

Lexikon | aus FALTER 38/10 vom 22.09.2010

Als weltweit bekanntester Künstler seines Landes hat der Chinese Ai Weiwei schon zahlreiche Rollen gespielt: Performer, Baukünstler, Galerist, künstlerischer Berater von Stararchitekten, Vandale altchinesischer Vasen, Verleger und Aktivist. Bei all diesen Tätigkeiten erhob der 1957 geborene Sohn eines regimekritischen Dichters immer wieder die dissidente Stimme, mal stärker, mal schwächer. Seine erste Ausstellung, "Hurt Feelings", in Wien macht deutlich, welche Behandlung ihm dieses Engagement eingetragen hat. Zwei großformatige Fotos, die auf den ersten Blick wie unscheinbare Parkansichten wirken, dokumentieren die Fahrzeuge der staatlichen Überwachung Public Security Bureau, die dem Künstler in China ständig folgen.

Eine Fotografie, die international bekannt wurde, hat Ai Weiwei selbst bei seiner Verhaftung 2009 aufgenommen. Er war zur Gerichtsverhandlung des Menschenrechtsaktivisten Tan Zuoren angereist, der ebenso wie Ai Weiwei die Vertuschung des Todes tausender Schulkinder nach dem Erdbeben in Sichuan kritisiert hatte. Das Bild zeigt den Künstler im Lift mit den Polizisten, die ihn kurz darauf so stark auf den Kopf schlugen, dass er eine Gehirnblutung erlitt. Daneben hängen Magnetresonanzaufnahmen von seinem verletzten Kopfes. Wie in einem Indizienprozess belegt Ai Weiwei die Repressalien, vor denen ihn auch seine Berühmtheit nicht schützt.

Eher indirekt kritisch gestalten sich die Videos von Pekinger Straßen. Die strukturellen Analysen "The Second Ring" und "Chang'an Boulevard" zeigen einerseits den Verkehr und andererseits die Gebäude entlang von Hauptstraßen. Der Künstler wollte so "die Ohnmacht der Menschen und die blinde Natur städtebaulicher Sanierung zeigen". Ein deprimierendes Zeugnis der Modernisierung ist ihm damit auf alle Fälle gelungen. NS

Galerie Christine König, bis 6.11.


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