Kritik

Der Schlitzer mit dem extrafeinen Tuschstift

Lexikon | aus FALTER 38/10 vom 22.09.2010

Das Genre Splatter, das im Kino jüngst wieder ein Revival erlebte, wurde ja eigentlich in der Kunst erfunden. Daran erinnert die Kunst von Ralf Ziervogel. Von Massakern, Gewaltorgien, Gemetzeln und Pandämonien ist in den Texten über seine Zeichnungen die Rede. Aus der Distanz wirken die mit extrem feinen Tuschelinien bedeckten Blätter aber abstrakt. Kraftlinien durchziehen die großformatigen Bögen. Sie durchkreuzen oder flankieren etwas, das zunächst wie Pflanzen aussieht. Beim Nähertreten wimmelt es nur so von zerfetzten Leibern in grotesken Verrenkungen. Da werden Gliedmaßen zerrissen, weggefetzte Babyköpfe fliegen durch die Luft, Körperöffnungen werden auf perfide Weise penetriert beziehungsweise Löcher neu gebohrt. Nicht einmal Skelette sind vor der posthumen Verstümmelung sicher.

Es braucht aber keine Kettensägen: Die enorm fantasievollen Konstruktionen stehen wie unter Strom, der seine fatale Wirkung ohne böse Absicht zeitigt. Hieronymus Bosch und Francisco de Goya kommen einem ebenso wie Robert Crumb in den Sinn. Ist das nun Faschismus, Aktionismus oder eine Art von Sadomaso, die die erogenen Zonen leider bis zu Unbrauchbarkeit in Mitleidenschaft zieht? Egal, der Künstler selbst verbittet sich jede Art von psychologischer oder existenzieller Deutung seiner Körperwelten und will schon gar keine politische Deutung aufgedrückt bekommen.

So beachtlich die Papierarbeiten, die den Deutschen zum Shootingstar gemacht haben, so schwach der Rest seiner Ausstellungsinszenierung. Die Äxte, die in einer Installation Anzugjacken durchbohren, hätte er ebenso steckenlassen können, wie die Bad Drawings, die politische Unkorrektheit mimen. Was will der Kunstmarktliebling bloß: Serienmörder bleiben ihrem Stil doch bekanntlich treu. NS

Charim Galerie, bis 16.10.


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