Neu im Kino

"Jobcenter": im Schatten der Bedürfnispyramide

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 38/10 vom 22.09.2010

Angela Summereder hat fünf Menschen ohne Arbeit dorthin begleitet, wo sie hoffen, wieder eine solche zu finden: ins "Jobcenter". Von Anfang an merkt man, welche große Rolle der Faktor Zeit in diesem Film spielt: Wie schnell man im Regelfall seine Arbeit verliert und wie lange es dauert, eine neue zu finden. Wie schwierig es ist, die Zeit der unfreiwilligen Umschulung als sinnvoll zu betrachten, gerade weil einem die Wichtigkeit des ewigen Lernens jeden Tag vorgebetet wird. Und wie mechanisch sich die routiniert abgespulten Übungen und Vorträge gestalten, wenn auf Flipcharts eine Bedürfnispyramide gekritzelt wird, an deren Spitze "Selbstverwirklichung" steht. Der Weg dorthin, so viel steht für die Jobsuchenden fest, ist hier sicher nicht das Ziel.

Summereder hört aber nicht nur den Berichten und Wünschen jener zu, deren Beobachtung an sich schon eine aufschlussreiche Studie über Flexibilität als "Zauberwort des globalen Kapitalismus" (Richard Sennett) bilden würde, sondern reagiert auf die Veränderungen, die sich bei den Arbeitssuchenden einstellen. Es geht ihr nicht darum, einschlägige Maßnahmen wie das Aufsetzen von Lebensläufen und das Einstudieren von Vorstellungsgesprächen als beschäftigungstherapeutische Rituale bloßzustellen, sondern als Teil eines größeren Ganzen. Wenn die Porträtierten die Schulungsräume verlassen, ändert sich auch Summereders Blick auf sie - weil es für den Einzelnen eben genauso wichtig sein kann, ein verfallenes Haus zu restaurieren oder irgendwann eine Platte aufzunehmen. Wer selbst jeden Tag arbeitet, oder besser: arbeiten muss, hat angeblich wenig Lust, anderen beim Arbeiten auf der Leinwand zuzuschauen. Auch in dieser Hinsicht könnte "Jobcenter" Vorbildwirkung zeigen.

Neu im Filmhaus, 19.30 (außer Di)


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