Neu im Kino

Unsre Ehre heißt Karriere: Oskar Roehlers "Jud Süß"

Lexikon | Drehli Robnik | aus FALTER 38/10 vom 22.09.2010

Um Produktion und Propagandaeinsatz von "Jud Süß", den Goebbels 1940 als antisemitische Hetze im Melodramenstil initiierte, geht es in Oskar Roehlers, ,Jud Süß - Film ohne Gewissen". In der Kontroverse um letzteren Film, auch er ein Melodram, wird die Frage "Darf man das?" ebenso laut wie der Hinweis, er handle von Verführbarkeit, sei also erzpolitisch. Allein, die Rede vom bloßen (Nicht-)Dürfen spielt meist den Apologeten des "herrlich Unkorrekten" in die Hand; und beim Bashing von "Verführung" gilt zu bedenken: Der "Jud Süß", ein Stuttgarter Kaufmann im 18. Jahrhundert, war 1940 als schmieriger Galan angelegt, der Damen schöne Augen macht und den Herzog in Prunksucht und Schulden treibt; auf Abscheu vor dem, was verführt, zielte Veit Harlans Inszenierung gerade ab.

"Man darf" Goebbels so outriert spielen, mit viel Knuff und Zeigefinger, und Nazi-Jetset satirisch als Kreativarbeitskarrieremilieu zeigen: Das blockiert den Reflex, uns das NS-System als eh schon "weit weg" vorzustellen, gut so. Jedoch: Die Funktionslogik antisemitischer Imagination wird hier nicht kenntlich, weder in nachgestellten Szenen vom Dreh und vom fertigen Film noch in Szenen, in denen SS-Leute sich "Jud Süß" zur Mordmotivation reinziehen. Roehler fokussiert zunehmend auf rise and fall, Seelenqual und Selbsttäuschungssex des Süß-Darstellers Ferdinand Marian (virtuos: Tobias Moretti), dem er eine jüdische Gattin (Martina Gedeck) und einen jüdischen Freund (Heribert Sasse) zuschreibt. Das soll der Tragik nachhelfen, die das Ende beschwört: 1946 ist Marian gebrochen, wird verflucht und verprügelt von KZ-Überlebenden, überall African-American Besatzer. Nicht weil das nicht faktengetreu ist, sondern weil das eine als sinnträchtig auftrumpfende Ressentiment-Fantasie ist - darum "darf man das nicht".

Neu im Filmhaus, 19.30 (außer Di)


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