Kritik

Von Weihwasser und gezähmter Revolution

Lexikon | aus FALTER 39/10 vom 29.09.2010

Ein Empfehlungsschreiben einer Wiener Topgalerie gefällig? Die Künstlerin Minerva Cuevas macht es bei Martin Janda möglich, dass Ausstellungsbesucher ohne jeglichen Einsatz ihr hohes Arbeitsethos bestätigt bekommen. In der Gruppenschau "De frente al sol" setzt die Mexikanerin ihr Projekt "Mejor Vida Corp. (Besseres Leben Corp.)" fort, bei dem sie schon U-Bahn-Tickets, Studentenausweise. Diese Interventionen dürften auch die in Lateinamerika so ausgeprägte Einstellung "Man muss sich nur zu helfen wissen" persiflieren, die das Misstrauen gegenüber offiziellen Autoritäten ausdrückt.

Politische Anspielungen und Ansprüche ziehen sich durch die absolut sehenswerte Ausstellung, die der mexikanische Kurator Patrick Charpenel konzipiert hat. Der Titel der Schau stammt von einer Telenovela, dem in Südamerika so ungeheuer populären Format, das (Kolonial-)Geschichte und soziale Gegenwart in Schnulzen ummünzt. Ein Thema der gezeigten Arbeiten stellt die Urbanisierung dar: Das brasilianische Duo Detanico & Lain hat Piktogramme entwickelt, die die architektonische Formensprache von Oscar Niemeyer mit informellen Stadtelementen wie Zäunen und Strommasten konfrontiert; Jorge Méndez Blake lässt in seinen Zeichnungen berühmte Bauten aus Wien und Mexico City von Felsen überwachsen. Ein hintersinniges Spiel mit Symbolen treiben etwa Javier Téllez, der Skimasken à la Subcommandante Marcos über Wohnzimmerlampen stülpt, oder Wilfredo Prieto, der im Keller eine Pfütze aus Weihwasser angelegt hat. Tief in die korrupte politische Geschichte Kolumbiens dringt das Video von François Bucher vor, der den Ex-Präsidenten Ernesto Samper interviewt und dessen verlogene Abhängigkeit von den Drogenkartellen quasi reinszeniert. NS

Galerie Martin Janda, bis 30.10.


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