Kunst Kritik

Cruising durch die Kunstgeschichte

Steiermark | Ulrich Tragatschnig | aus FALTER 39/10 vom 29.09.2010

Mit der fabelhaften Ausstellung "Grand Tour", für die der schwedische Künstler Matts Leiderstam Malerei, kunsthistorische Werkkataloge und Gay Guides zu teils akribisch recherchierten, teils augenzwinkernd ausgedachten Indizienketten verflicht, sucht der Grazer Kunstverein das steirischer-herbst-Thema "Virtuosität" genau dort, wo es eigentlich hingehört: im 17., 18. oder auch noch 19. Jahrhundert, zu Zeiten, als die künstlerische Elite Richtung Mittelmeer aufbrach, um sich Antike und Renaissance einzuverleiben. Was die noble Reisegesellschaft an sehnsuchtsvollen Natur- und Kunstidyllen produzierte, versteht Leiderstam listig in eine zeitgemäße Form zu bringen, in dem er zum Kopisten ausgesuchter Werke Poussins, Hamiltons, Courbets oder Constables wird. Zu einem nicht ganz treuen allerdings, legt er doch im Zoom auf Bilddetails oder in leisen Veränderungen nahe, dass die Sehnsucht der genannten und der anderen, wohl durchaus feschen und zu Hause sicherlich ein wenig biedereren Herren Porto-Touristen nicht allein der Kulturlandschaft Italiens galt, sondern auch ihresgleichen einbezog.

Neben dem bei venezianischen Cruising- oder Kennenlernplätzen aufgeschlagenen Schwulenreiseführer Spartacus wird eine von Canaletto geschilderte Piazzetta schnell doppeldeutig; besonders in der vergrößerten Wiedergabe einer eigentlich recht marginalen Randszene. Und so mancher Jüngling, der Poussin aus seinem Pinsel tropfte, nimmt nun frivol Kontakt zum staunenden Betrachter auf.

Währenddessen testet Imri Nagy im Eingangsraum des Kunstvereins die Möglichkeiten skulpturaler Anverwandlung des dort räumlich und dinglich Vorgefundenen. Ganz ohne Doppeldeutigkeit.

Grazer Kunstverein, bis 19. 11.


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