Stadtrand

Wir wollen Pinocchio statt Poppy Pomfrey!

Urbanismuskolumne

Stadtleben | Joseph Gepp | aus FALTER 39/10 vom 29.09.2010

In unserer losen 90er-Jahre-Reihe befassen wir uns diesmal mit der Kinderspeisekarte. Früher, als die Welt noch überblickbar war, hießen nämlich alle Kindergerichte im Restaurant gleich. "Mickey Maus" war beispielsweise der ewige Name des Schnitzels, wenn wir uns richtig entsinnen. "Moby Dick" hieß ganz sicher der Fisch und "Pinocchio" die kleine Pizza. Wir erklären uns das folgendermaßen: In einem Tresor der Sektion Gastronomie der Wiener Wirtschaftskammer lag eine Liste. Darauf standen die Namen. Wer sich nicht an sie hielt, dem drohten Strafen. Später jedoch - wahrscheinlich unter Schwarz-Blau - ist die Liste der wirtschaftlichen Deregulierung zum Opfer gefallen. Seitdem steht, wenn überhaupt, ein herzloses "klein" neben dem Gericht. Oder aber der Name der Speise ist derart fantasievoll durchdacht - Poppy Pomfrey, fürsorgliche Krankenschwester aus Harry Potter, dass ihn ausschließlich belesene Elite-Sprösslingeverstehen. Und schon sind wir bei der sozialen Selektion im Kindesalter. Es war nicht alles schlecht, als die Welt noch überblickbar war.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige