Selbstversuch

Schau mal, ich zeig dir was

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 39/10 vom 29.09.2010

Die Mimis sind jetzt politisch. Sie nehmen den Wahlkampf ernst. Etwas zu ernst, wenn Sie mich fragen: Heute früh musste ich ihnen mit Nachdruck verbieten, noch einmal den Kandidaten jener Parteien, zu denen sie nicht halten, die Zunge herauszustrecken oder den Mittelfinger zu zeigen. Das geht nicht, Kinder, das macht ihr definitiv nicht mehr. Warum. Erstens zeigt ihr grundsätzlich keinem den Finger, zweitens ist das weder ein Bandenkrieg noch ein Fußballmatch. Genau so sehen sie es aber und formulieren es auch so. Ich wette für die Dings! Alle anderen sollen scheißen gehen!

Ich versuche ihnen das Prinzip von Demokratie klarzumachen, aber das verfängt bei Achtjährigen nicht: Sie wählen sich einen Favoriten und wollen den auf Dings-vor-noch-ein-Tor siegen sehen. Sie sammeln die Gimmicks ihrer favorisierten Partei mit demselben Enthusiasmus, mit dem sie während der WM Paninis gesammelt haben. Wenn ihnen andere als ihre Favoriten auf der Straße etwas schenken wollen, zeigen sie denen, was Achtjährige an obszönen Gesten so drauf haben.

Was ich im Prinzip richtig finde. An dieser Stelle muss ich nämlich einen entschiedenen, ja zornigen Einspruch anbringen, weil warum: Jeden Tag werden den Mimis auf dem Heimweg von vier oder fünf Parteien Werbegeschenke angeboten und aufgedrängt, und ich frage mich: Darf man das überhaupt? Schulkinder so aggressiv anagitieren? Das gehört verboten. Ich finde das verantwortungslos, egal von welcher Partei. Wie kommen diese fremden Erwachsenen dazu, meine Kinder anzusprechen und ihnen Geschenke und Süßigkeiten anzubieten, wo ich ihnen das ganze Jahr immer wieder einbläue, sie dürften ja nie mit Fremden sprechen und von niemandem etwas annehmen? Ich sage: Lasst's das, Wahlwerber, oder ich werde richtig sauer.

Und ich bin für derlei jetzt, passen Sie lieber auf, auch wieder richtig gut in Form. Dreimal die Woche Fitnessstudio und daneben ein Leben, das sich von dem eines radikalen Temperenzlers nur noch in Nuancen unterscheidet. Mein Energielevel liegt derzeit auf einem Niveau, das in manchen meiner Mitmenschen den Wunsch nach Zwangssedierung weckt. Der Lange plädiert nicht ganz uneigennützig für eine zumindest teilweise Aufhebung des strikten daheimischen Alkoholverbots. Nix da. Anna macht es besser; sie versorgt mich kontinuierlich mit neuen "Mad Men"-Folgen der vierten Staffel, das knockt mich jeweils für eine Dreiviertelstunde aus. Dabei ließen mich Don Draper und seine Probleme ja die gesamte erste Staffel lang irrsinnig kalt. Jetzt nicht mehr, obwohl es Draper nach wie vor nicht aufs Stockerl meiner Serien-Charakter-Favoriten geschafft hat. Erstens wette ich für Omar Little ("The Wire"), zweitens für Gene "The Guv" Hunt ("Life on Mars"), drittens für Marcy Runkle ("Californication"). Alle anderen sollen ... Die Mimis können nichts dafür, eh.


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