Nackte Muskelmänner aus der Bibliothek der Queen

Lexikon | Nicole Scheyerer | aus FALTER 40/10 vom 06.10.2010

Die Albertina zeigt Michelangelos herausragende Zeichnungen

Ein Oberkörper wie der eines Bodybuilders. Der kopflos gezeichnete Mann hält den kraftvollen Arm auf seinen Rücken und dreht ihn noch etwas nach außen. Das dabei entstehende Zusammenspiel von Muskeln und Sehnen hat Michelangelo auf dem Blatt daneben und darunter noch einmal festgehalten. Fast ist es, als würden wir dem italienischen Meister über die Schulter sehen und beobachten, wie er für seine spätere Marmorstatue nichts dem Zufall überlässt.

An die 600 Zeichnungen werden heute noch als eigenhändige Zeichnungen Michelangelos betrachtet. Nicht weniger als 104 Blätter - viele davon beidseitig verwendet - sind jetzt zu sehen, davon acht aus der eigenen Sammlung. Nacktheit, wohin man auch blickt: Die Ausstellung konzentriert sich ganz auf die figürlichen Darstellungen und zeigt unter anderem Skizzen zu den Deckengemälden in der Sixtinischen Kapelle. Die Leihgaben stammen aus großen Häusern wie dem Louvre, dem Metropolitan Museum oder der Royal Library in Windsor Castle, also dem Privatbesitz der englischen Königin.

"Für Michelangelo hat der Leib eine tiefere moralische Bedeutung", erklärt Kurator Achim Gnann, der Albertina-Experte für italienische Meisterzeichnungen. Der Unterschied lässt sich an einer Kreuzabnahme erkennen, wo der geschundene Körper Christi eine viel feinere Physiognomie offenbart als der grob muskulös dargestellte Scherge. Gnann hat drei Jahre lang für die aktuelle Schau geforscht und ficht im Katalog die jüngsten Expertisen anderer Kunsthistoriker an, die etliche der ausgestellten Blätter als nicht von Michelangelos Hand betrachten.

Wiewohl seine Blätter schon zu Lebzeiten gefragt waren, dienten Michelangelo Feder und Rötelstift fast nur für Studien, von denen er auch viele zerstörte. Seinem Ruf als unmittelbares Zeugnis des schöpferischen Einfalls wird das Medium Zeichnung hier voll gerecht.

Albertina, bis 9.1.


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