Kritik

Vogelkaraoke: Wer die Nachtigall imitiert

Lexikon | aus FALTER 40/10 vom 06.10.2010

Nein, die Hütte vor dem Lokal WerkzeugH ist kein Punschstandl. Der kalte Wind bei der Eröffnung des Projekts "Gazebo" legte diese Hoffnung aber nahe. Lorenz Seidler hat die Schiene von Kunst im öffentlichen Raum initiiert, die (wegen verzögerter Finanzierung) in die kalte Jahreshälfte reicht. Mit der Belebung urbaner Zonen hat der durch seinen Blog "eSeL" bekannte Kurator einige Erfahrung. So wirkte er etwa bei dem Projekt "Bellevue" mit, einem der gelungensten Beiträge zu Linz 09. Auch für die aktuelle Outdoorausstellung hat eSeL keine Mühen gescheut: Fünf Kuratoren wurden eingeladen und ein Artist-in-Residence-Programm installiert.

Der aus dem Englischen stammende Begriff "Gazebo" bezeichnet eine Aussichtswarte in der Landschaftsarchitektur, zum Beispiel ein Pavillon oder ein Kiosk. Das nun auf der Lokalterrasse platzierte Häuschen erinnert zwar mehr an die Blockhütte aus Henry David Thoreaus Buch "Walden", fungiert aber auch als Galerie. Bei der Vernissage wurde sie in ein Tonstudio verwandelt, in dem die Künstlerin Regula Dettwiler die Besucher um Gezwitscher bat. Die bei Dettwilers "Bird Karaoke" aufgenommenen Stimmen werden auf dem Platz morgens und abends erschallen und so für die schon in den Süden abgeflogenen Vöglein einspringen. In der Nacht leuchtet in den Bäumen des Platzes eine Installation der Künstler LIA und Damian Stewart, die auch schon das Ars Electronica Center in Linz illuminiert haben. Untertags fungiert ein riesiges Wandbild des brasilianischen Street Artist Onesto als Eyecatcher. Anschläge auf einer Litfaßsäule von Christian Eisenberger informieren über die Kunst. "Gazebo" schreckt vor Minusgraden nicht zurück und möchte sein Fleckerl Stadt auch im Winter beleben. Dann vielleicht mit Heißgetränken? NS

WerkzeugH, 5., Schönbrunner Straße 61


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