Kritik

Die heißen Tränen der Jungfrau von Orleans

Lexikon | aus FALTER 40/10 vom 06.10.2010

Um die Arbeiten der belgischen Künstlerin Ana Torfs zu betrachten, würde man sich gerne in einen weichen Kino- und Theatersessel zurücklehnen. Die Längen ihrer Video-Dia-Installationen, etwa 55 oder 90 Minuten, legen so eine Betrachtungsweise nahe. Aber seit die Künstlerin mit "Zyklus von Kleinigkeiten" schon einen Film produziert hat, scheut sie die Frontalität und den Sog des Kinos und verteilt die Sichtweise lieber auf mehrere Screens.

Eine melancholische Stimmung zieht sich durch die hochästhetische Schau der 1964 geborenen Künstlerin. Die Vertiefung in die große Materialfülle der Arbeiten vertieft diesen Eindruck noch. Torfs greift häufig auf historische Stoffe zurück. So geht die stärkste Arbeit der Schau auf die Verhöre zurück, denen Jeanne d'Arc durch die Inquisition ausgeliefert war. Die Dia-Installation "Du mentir-faux", die nichts anderes als Bilder einer Frau und Textdias zeigt, dreht sich um das Glaubensproblem, was zu einem Idol erhoben werden darf. Gerichtsprotokolle dienten auch als Grundlage für die Arbeit "Anatomy", die den Fall der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht aufrollt. Die Unergiebigkeit des langatmigen Prozesses wird hier reinszeniert - was im Theater funktionieren könnte, wird auf dem Museumsbankerl wohl niemand länger festhalten. Trotz der Materialfülle fesselnder fallen Torfs' Tableaus "Family Plot #1" aus, in denen sie dem inhärenten Kolonialismus in den Benennungen tropischer Pflanzen nachgeht. NS

Generali Foundation, bis 12.12.


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