Musiktheater Kritik

Der Falke hält sich den Falknerhandschuh selbst

Steiermark | Herbert Schranz | aus FALTER 40/10 vom 06.10.2010

Die Regiearbeit des Schweizers Marco Arturo Marelli drückt sich sehr stark über die Dynamik seiner konzentrierten Bühnenbilder aus, die er stets selbst gestaltet. Seine Inszenierung von Richard Strauss' Oper "Die Frau ohne Schatten" (1915) beweist das zum Saisonstart der Oper Graz - eine Koproduktion mit der Flämischen Oper Antwerpen, Gent.

Als zauberhafter roter Faden führt ein rot gewandeter Falke (Lucia Kim, Sopran) durch die Handlung von Hugo von Hofmannsthals Libretto. Er ist eine Art merkurisches Alter Ego der märchenhaften Kaiserin (Marion Ammann, Sopran) und vertritt gleichsam ihren Schatten, der ihr fehlt. In Marellis geschickter Regie zeigt der Falke jene inneren Prozesse der Kaiserin im Voraus, die dazu nötig sind, ihren Schatten zu erlangen, um so den Kaiser (dynamisch beschränkt Corey Bix, Tenor) aus seiner Versteinerung zu befreien. Die Amme der Kaiserin (großartig Michaela Martens, Mezzosopran) will diese auf diebische Wege in die Menschenwelt führen, in der sich die gleiche erstarrte Situation im armseligen Leben des Färbers Barak (James Rutherford, Bassbariton) und seiner Frau (hoch expressiv Stephanie Friede, Sopran) wiederfindet. Die Färberin lässt sich ihren Schatten - Symbol ihrer noch ungeborenen Kinder - letztlich doch nicht abkaufen, sondern findet zu sich selbst und zu ihrem Mann. Die Bühnensphären Marellis wirbeln durcheinander, der Falke krallt sich den Handschuh seines Falkners selbst, die Kaiserin lernt tiefes Mitfühlen. "Dem einen Hilfe, dem anderen Verderben", das weist sie stufenweise von sich und erlöst gerade dadurch sich und ihren Mann.

Johannes Fritzsch steuert die Grazer Philharmoniker sicher durch die farbenreiche, auch an Strawinsky geschulte Partitur. Neben brillanten, berührenden Passagen gibt es anfangs aber auch Durststrecken.

Oper Graz, nächste Aufführungen 6., 17.10


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige