KunstKritik

Die unglaubliche Reise eines Tropfens Milch

Steiermark | Ulrich Tragatschnig | aus FALTER 40/10 vom 06.10.2010

Als Harold Edgerton 1957 mittels Hochgeschwindigkeitskamera festhielt, welch erstaunlich schöne Form der Aufprall eines Tropfens Milch erzeugt, war es ihm beileibe nicht um den abgelichteten Gegenstand selbst zu tun. Die skulpturale Qualität des unter klinischen Verhältnissen ins schicke Schwarzweiß gebrachten Tropfens sollte nicht die Milch, vielmehr die Kamera belobigen, beweisen, was die Fotografie dem schlicht Alltäglichen an Ästhetik abringen kann oder wie raffiniert sie unsere Wahrnehmungsgrenzen übersteigt und also auch erweitert. Dabei ist die Beweiskraft von Edgertons Tropfen Milch oder des Krönchens, in das er sich beim Aufprall je verwandelt, unter heutigen, die Parameter fotografischer Gegenständlichkeit neu zur Diskussion stellenden Bedingungen noch lange nicht entschieden, wie die herbst-Ausstellung "Milk Drop Coronet" bei Camera Austria zeigt. 30 Künstlerinnen wurden eingeladen, je eine Tischvitrine zur Virtuosität des Dinglichen zu gestalten. Nebeneinander aufgestellt ergeben sie ein Bild trauter Gemeinsamkeit, wirklich stiller, selbstgenügsamer Beschäftigung: der Traum jedes Mittelschullehrers. In ihrem Inneren freilich brodelt es zuweilen. Wie bei Eva Maria Ocherbauer, deren Ding ein eingehülltes Etwas ist, das die Künstlerin noch dazu auf ein gar lautes, extrovertiertes Türkis gebettet hat. Oder es geht um ein, man könnte sagen, pubertäres Selbstzerfleischen. Wie in der Vitrine von Horáková + Maurer, wo die Ingredienzien von Edgertons Virtuosität auseinanderdividiert, neu arrangiert werden. Und dann gibt es freilich noch ein paar ganz Brave, ein paar eher Schlimme und auch ein paar, die offenbar recht unaufmerksam waren oder sowieso immer nur tun, was sie gerade wollen. Wie halt in jeder Klasse.

Camera Austria, bis 9. 1. 2011


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige