Meinesgleichen

Scheinkrieg mit eingebettetem Reporter

Falter & Meinung | aus FALTER 40/10 vom 06.10.2010

Die Kritiker waren eher wohlwollend; das Spektakel der sogenannten Elefantenrunde zur Wien-Wahl auf ATV vergangenen Sonntagabend kam in den Medien ganz gut weg. Die vormittägliche Runde der Spitzenkandidaten im ORF hingegen sei langweilig gewesen, hieß es, parteiisch moderiert et cetera. Der Abend hingegen: frisch gefragt, temperamentvoll, anders. Die Kandidaten seien aus sich herausgegangen. Alles sei neu gewesen. Der Private hätte es dem Staatsfunk gezeigt. Das kann man wohl sagen. Die Kandidaten waren vor einem johlenden Publikum aufgestellt, das nur aus bestellten Claqueuren bestand, nach Sektoren gruppiert und mit Tafeln mit dem Namen des jeweiligen Parteiführers versehen.

Beim Ansatz einer Pointe schrieen sie ihre Zustimmung, wenn ein Gegner etwas sagte, was ihnen nicht gefiel, versuchten sie ihn niederzubrüllen. Das Schauspiel war ebenso befremdend wie lächerlich, weil dem Anlass derart unangemessen. Es zeigte aber, worauf Debatten im Privatfernsehen abzielen: auf Unterhaltungswert, Zuspitzung des Kampfcharakters, Entkräftung des Arguments, Stärkung des Ressentiments.

Kein Wunder, dass Wolfgang Fellner, der Herausgeber der Zeitung Österreich, einer Art gedruckten Privatfernsehens für Arme, sich persönlich um die Berichterstattung von diesem sogenannten Event bemühte. Er fand einen adäquaten Titel: "TV-Krieg um Wien" und zeigte sich wieder einmal dem Anlass gewachsen. Als eingebetteter Reporter aller Scheinkriege.


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