Selbstversuch

Leider war ein anderer schneller

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 40/10 vom 06.10.2010

Am Heimweg erzählt mir das Mimi, es sei heute von seiner Lehrerin angeschnauzt worden. Warum. Es hatte etwas verloren. Na ja, vielleicht hatte sie einfach einen schlechten Tag, und du verlierst ja bei Gott nicht zum ersten Mal etwas. Aber die Lehrerin habe schon ziemlich geschnauzt, sagt das andere Mimi. Woher weißt denn du das? Es war in der Klasse von dem einen Mimi, sagt das andere Mimi. Aha, und wieso das? Es konnte nicht am Turnen teilnehmen. Warum nicht?? Kein Turnzeug. Warum kein Turnzeug, ich habe dir doch ... Das eine Mimi hatte sich das Turnzeug ausgeborgt, und dann war es leider verschwunden. Warum hat sie dein Turnzeug ausborgt? Weil sie ihres verloren hatte. Was? Und jetzt hat sie deins auch verloren? MIMIIIIII!!! Meine Güte, ich solle mich nicht so aufregen, es sei jetzt eh alles wieder da.

Ich rege mich aber auf. Der September war noch nicht vorbei, musste ich schon ein Schulbuch (? 15,-) nachkaufen und im Elternheft drei Rügen wegen fehlendem Dies und vergessenem Das unterzeichnen. Letzten Donnerstag kam das Kind ernsthaft ohne seine Hose heim. Was hast du da an? Das ist aus dem Ersatzgewandsackl von der Milena. Wo ist deine Hose? Weiß nicht, ist verschwunden. Wie verliert man eine Hose? Und warum hast du nicht etwas aus deinem Ersatzgewandsackl an? Das ist auch irgendwie weg. Wie: weg? Ja, weg halt. Gut, sie hat auch das in der Genetik.

Ich habe im Laufe meines Lebens CDs verloren, Bücher, Gitarren, Studiennachweise, Steuererklärungen, Schlafsäcke, Sessel, Fahrräder, Schminktaschen, Meldezettel und Reisepässe im Dutzend, Kochgeschirr, ausgeborgte DVDs, und erst im Juli in Kroatien mein Geldbörsel mit absolut allem drin, als ich es irrtümlich neben die Tasche gesteckt habe. Bitte, ein ehrlicher Mensch hätte es vis-à-vis beim Tourismus-Office abgegeben, leider hat es der nicht gefunden, sondern ein anderer, man kann hier also schon eher von Fladern sprechen als von Verlieren. TROTZDEM! Man kann doch nicht alles auf eine verhatschte Genetik schieben! Man bringt doch auch selber etwas mit ins Leben. Ich zum Beispiel habe die Schlamperei in meinen Familienstammbaum überhaupt erst eingebracht, ich entstamme einem überaus ordentlichen, praktisch durch und durch rechtwinkligen Geschlecht.

Genauso gut hätten also auch meine Kinder ordentlich werden können, was durch die Paarung mit einem Mann, dem es nichts ausmacht, im Flur vier Tage lang über zerknüllte Hello-Kitty-Socken zu steigen, allerdings vereitelt wurde. Das Problem ist, dass ich die Einzige in dieser Familie bin, die diese Socken, völlig konträr zu meiner Veranlagung, am fünften Tage schließlich aufhebt und in die Wäsche schmeißt. Ich muss quasi, damit diese Wohnung überhaupt bewohnbar bleibt sowie zur äh maternalen Vorbildtauglichkeit, meine gottgegebene Unordentlichkeit brutal unterdrücken. Gesund ist das sicher nicht.


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