Fragen Sie Frau Andrea

Mützen wie der angemalte Türke

Kolumnen | aus FALTER 40/10 vom 06.10.2010

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

neulich war ich im 2. Bezirk unterwegs, um Freunde zu treffen. In der U-Bahn-Station Nestroyplatz vermeinte ich zwei Eingeborene bei einer Aussage von Political Incorrectness zu ertappen: "Aus'n Strache is die Luft ausse", sagte der eine, "der sitzt do wiara ongmoita Tirk." Den ersten Teil, politisch noch durchaus korrekt, verstehe ich, aber was, bitte, ist ein "angemalter Türke"? Sicher wissen Sie weiter.

Es grüßt Sie Bernhard Lukasinski,

Boboville West,

per Gesichtsbuchnachricht

Lieber Bernhard,

wir dürfen die Pezeh-Keule im Halfter stecken lassen, das Sprachbild vom "angemalten Türken" hat nur schwache fremdenfeindliche Untertöne. Die Formel ist ein Wiener Ausdruck aus Zeiten der Monarchie und bezeichnet einen lethargischen, in gemächlicher, schlafmütziger Ruhe dasitzenden Menschen. Der "angemalte Türke", auch "Tschibuk-Türke", von dem sich unser Sprichwort herleitet, war das Signet der Trafiken jener Zeit - meist ein liegender, die lange türkische Tonpfeife Tschibuk rauchender Orientale. Diese Darstellung war in Öl auf die Läden gemalt, als Schild über den Eingang gehängt oder in Form einer geschnitzten und bunt bemalten Holzfigur auf den Gehsteig gestellt.

Synonym mit dem Bild des angemalten Türken ist der Ölgötze. Der ist nun nicht die idolatrische Version des rauchenden Orientalen, sondern ein Spottbild aus der Zeit Luthers. Es bezieht sich auf die in Matthäus 26, 40 und 43 beschriebenen Jünger Jesu, die im Ölberg liegend eingeschlafen waren.

Die ursprüngliche Bezeichnung dafür war übrigens Ölberggötze. Grimms Wörterbuch kennt allerdings auch eine andere Version des Ölgötzen, "ein mit Öl gesalbtes oder mit Ölfarben angestrichenes Götzenbild". Der Begriff hatte beim Zürcher Reformator Ulrich Zwingli Konjunktur - als Spottbezeichnung für die Heiligenbilder in den katholischen Kirchen.

Davon abgeleitet wurde der Begriff auch zum Pejorativ für die Anbeter dieser Bilder, die Gläubigen, insbesondere für die mit heiligem Öl gesalbten katholischen Priester, den Papst eingeschlossen. Pläne der FPÖ, in Öl gemalte Strachefiguren vor ihren Parteilokalen aufzustellen, sind nicht bekannt.


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