Neu im Kino

Beredte Liebesgeschichte: "Mademoiselle Chambon"

Lexikon | aus FALTER 41/10 vom 13.10.2010

So einfach die Geschichte ist, so episch ist dabei ihre Dimension. Jean, ein glücklich verheirateter Mittvierziger und Handwerker von Beruf, verliebt sich in die Lehrerin seines Sohnes. Diese gibt dem Film den Titel: "Mademoiselle Chambon", ein Melodram, geschrieben und inszeniert von Stephane Brizé und gefilmt in Cinemascope - auf dass sich die engen Grenzen des Bildformats und des Genres bis aufs Maximum erweitern.Lange passiert nichts. Zumindest nichts Außergewöhnliches. Einmal holt Jean seinen Buben von der Schule ab. Mademoiselle lädt ihn ein, um vor ihrer Klasse über seinen Beruf zu erzählen. Während der Stunde dann ruht die Kamera oft ganz nah auf dem Gesicht der jungen Vertretungslehrerin. Was sie hört, die ruhige Leidenschaft, mit der Jean darüber spricht, Häuser zu bauen, die ein ganzes Leben oder länger halten, rührt sie im Innersten. Liebe braucht keine Worte, und darin liegt die Stärke dieses Films, der passagenweise ohne jeden Dialog auskommt. Vincent Lindon und Sandrine Kiberlain, die beiden Stars, die im richtigen Leben früher ein Paar waren, tun ein Übriges.

Lindon, bei uns aus Filmen von Claire Denis ("Vendredi soir", 2002) oder zuletzt Philippe Lioret ("Welcome", 2009) bekannt, interpretiert häufig Figuren, die sich nicht dem Kontext anpassen, sondern in ihrer eigenen Welt verbleiben, gleichgültig, wo sie hingeraten. "Eine Art stoische Gelassenheit ist ihm als natürliche Aura gegeben", so Kollegin Schweizerhof, "er verkörpert wie kein anderer den 'modernen Mann' - nicht das Ideal, sondern die Realität." Eine ungekannte Sehnsucht ergreift Besitz von Lindon, als er Kiberlain im verwaisten Klassenzimmer heimlich beim Spielen auf einer imaginären Violine beobachtet. Die Melodie, eine Komposition von Ferenc von Vecsey, begleitet ihn auf der Heimfahrt bis in die Arme seiner zusehends irritierten Ehefrau. MO

Ab Fr in den Kinos (OmU im Filmcasino)


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