Meinesgleichen

Sag mir, was ist in Wien bürgerlich?

Falter & Meinung | aus FALTER 41/10 vom 13.10.2010

Das Trauerspiel war Sonntag, es bleibt die Frage: Was ist noch bürgerlich in Wien? Die Diskussion im ORF am Wahlabend, an welcher, wie sich der Sender ausdrückte, österreichische Topjournalisten der wichtigsten Printorgane teilnahmen, also Wolfgang Fellner und Johanna Dichand (befremdlicherweise fehlte Christoph Dichand), brachte keinen Aufschluss. So top waren die argumentativen Leistungen wieder nicht. Aber es war auch Michael Frank von der Süddeutschen Zeitung da. Er fragte rhetorisch, wo denn das Bürgerliche im ach so bürgerlichen Wien geblieben sei. Die Antwort: Wien war nur bürgerlich, als sein Bürgertum jüdisch war. Dieses jüdische Bürgertum wurde vernichtet oder vertrieben.

Der Rest: versprengte feudale Oberschicht, Austrofaschisten oder Parvenüs mit feudalen Flausen. Und das Proletariat. Eine bürgerliche Gesellschaft als Gesellschaft von Citoyens existiert in Wien (und in Österreich) nicht. Es herrschte "repräsentativer Kulturalismus" vor, wie das der schwarze Unterrichtsminister Heinrich Drimmel in den 50er-Jahren nannte, Innenstadtkulturbürger in Dom, Burg und Oper und im ORF (was manche Schwarze noch heute mit öffentlich-rechtlich verwechseln). Linkskatholiken wie Friedrich Heer hatten keine Chance; es gibt Reste, aber sie sind bedeutungslos. Die Sozialdemokratie unter und nach Kreisky nahm den Schwarzen den Kulturalismus im Handumdrehen weg; mit Substanz füllte die Lücke des Citoyen niemand. Zur Freude der Haiders und Straches.

Quellen:

Heinrich Drimmel (ÖVP), 1954-64 Unterrichtsminister, prägte den Begriff des "repräsentativen Kulturalismus"


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