Die Heimat ist ein Hühnergulasch, aber Hacktätschli lauern bereits überall


Matthias Dusini
Feuilleton | aus FALTER 41/10 vom 13.10.2010

Wenn auf den ersten Seiten eines Romans von Krieg, Zigeunerliedern und einer schnapsseligen Hochzeit die Rede ist, dann kann der Balkan nicht weit sein. Diese schwer einzugrenzende Region zwischen Adria und Schwarzem Meer wurde nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zum Imaginationsraum für jene menschlichen Eigenschaften, die von der EU-Norm nicht erfasst werden. Die Balkankriege verschärften die kulturelle Differenz zur politischen Konsequenz: Irgendwo zwischen Dalmatien und dem Banat verläuft die Grenze zwischen aufgeklärtem Westen und barbarischem (Süd-)Osten.

Die Erzählerin in Melinda Nadj Abonjis Roman kennt den Schnaps, die Zigeunerlieder und die Hochzeiten als Versatzstücke der eigenen Kindheit. In der nordserbischen Provinz Vojvodina geboren, wanderte sie gemeinsam mit ihrer Familie in die Schweiz aus. Der Balkan ist in der autobiografischen Rückblende von Ildiko eine Projektionsfläche für regressive Wünsche nach Unveränderlichkeit: "... weil ich, wenn ich an den Ort meiner

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