Selbstversuch

Ein Viertel Idioten? Erzählt mir was Neues

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 41/10 vom 13.10.2010

Das Übliche. Erstens. Ich war auf der Frankfurter Buchmesse, stand dort im Frankfurter Hof unter verschärftem Gin-Tonic-Bombardement eines sehr lebensfrohen Verlegers und rauche jetzt wieder. Dabei war der fröhliche Fotograf, wegen dem ich üblicherweise wieder anfange, schon abgereist, um sich in einem Rotterdamer Container vor gut definierten Matrosen zu fürchten, aber ich weiß nicht, ob ich das erzählen darf, denn das war ein privates SMS, und zu welchen Feuilletonkriegen die journalistische Ausbeutung privater SMS führen kann, hat ja eben der Eierkopf-Fight Moritz von Uslar gegen Cornelius Tittel gezeigt. Nein! Ich erkläre das jetzt nicht! Googeln Sie doch gefälligst selbst.

Zweitens. Ich bin unverwundert. Ein Viertel der Wiener sind also dumme Trotteln? Überraschung. Erzählen Sie mir etwas, was ich nicht schon längst gewusst habe. Und das mir nicht täglich als Postings unter meinen Kolumnen demonstriert wird, weil nach dem, was ich dort immer so vorfinde, hab ich noch weit Schlimmeres erwartet.

Drittens. Die miese, gemeine, armselige, populistische, herz- und geistlose Abschiebung von zwei achtjährigen Zwillingsmädchen hat der ÖVP genau gar nichts gebracht, weil das Dummvolk, wenn es darauf ankommt, doch lieber gleich zum puren Fascho greift und nicht zum gemischten Faschierten. Was lernen wir daraus? Nichts, vermutlich.

Viertens weiß ich auch nicht, was man als Bürgerin gegen eine solche geschissene Politik tun kann, wählen nützt nicht, protestieren nützt nicht, integrationsdebattieren nützt nichts, aufklären nützt schon gar nichts. Man muss sich damit abfinden, dass man ganz demokratisch in einem Land voller geisteskranker Unmenschen lebt, die das gerecht und rechtens finden, ist nun mal so. Fünftens mach ich mir keine Hoffnungen auf Rot-Grün, weil ich nicht mehr an Märchen glaube, und bestimmt nicht, solange Häupl Bürgermeister ist. Sechstens bin ich so politikverdrossen, ich kann's gar nicht sagen. Ich will nur noch im Bett liegen und den Franzen fertiglesen und dann den Richard Price und dann die Raddatz-Tagebücher und ich will "Mad Men" sehen und endlich die dritte Staffel "Californication" und von Politik will ich nichts mehr hören. Und siebtens schon gar nichts darüber, dass die Bobos - wir Bobos, wir Multikulti-Romantiker - an allem schuld seien, das sei nun mal ein Konzept, das für Wien nicht funktioniere, und man müsse die Strache-Wähler nun endlich ernst nehmen. Und man dürfe auch nicht, weil das sei zu billig, sagen, dass die meisten Strache-Wähler einfach nur Deppen seien. Ach nicht? Dann hört mal her: Deppen, das alles. Weil, was ist das, wenn welche nie zuhören, nichts kapieren, nicht hinschauen und nur für die simpelsten rassistischen Sündenbock-Parolen empfänglich sind? Klassisches Deppenverhalten. Nur weil sie viele sind, macht sie das nicht besser. Deppen, ich sag es nochmal.


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