Retro Rohmer Empfehlung

Pierre, geboren im Zeichen des Löwen

Extra | Peter Nau | aus FALTER 41/10 vom 13.10.2010

Im Zeichen des Löwen" ist ein Film, der mich seinerzeit, 1964, als er verspätet in Deutschland herauskam, jäh betraf. Vor allem sein Hauptdarsteller, Jess Hahn, hatte mich tief beeindruckt. Er war ein großgewachsener und fülliger junger Mann, mit etwas qualligen und schlaffen Stellen im Gesicht, aber gleichwohl sehr gut aussehend. Den ganzen Film hindurch trug er denselben Anzug und dasselbe weiße Hemd ohne Schlips. Er verkörperte einen in Paris lebenden Ausländer, Pierre Wesselrin, der in den heißen Sommermonaten unter einer erbarmungslosen Sonne, finanziell vollkommen abgebrannt, durch Paris wandert, um irgendwelche Leute aufzutreiben, die ihm etwas borgen oder zu verdienen geben könnten. Dabei passierten ihm andauernd Missgeschicke, von denen dasjenige mit der Ölsardinendose in einem Hotelzimmer mir niemals mehr aus dem Kopf gehen sollte. Im Zeichen des Löwen geboren, glaubte er an die Sterne.

Heute, beim Wiedersehen, fällt mir vom ersten Bild an, das eine Pariser Stadtlandschaft zeigt, der unermessliche Reichtum an optischen Valeurs auf, mit denen dieser Schwarzweißfilm gesegnet ist. Auch für seine zarte Ironie fehlte mir damals noch die Antenne.

Wesselrin, der sich eines Milliardenerbes schon sicher glaubte, geht dessen wieder verlustig. Er sinkt Stufe um Stufe hinab, ohne indessen seine Aura, die etwas Erhabenes hat, einzubüßen. Mit Wagners Siegfried kann er sich sagen: "Einzig erbt ich den eignen Leib; lebend zehr ich den auf." Jedenfalls gilt dies bis zu dem Moment, wo er zerlumpt an einem Seinekai hingestreckt liegt, die Kamera dann emporsteigt, wonach ein erstarrtes Panorama des steinernen Paris in ein bewegtes, luftiges Gegenbild mündet. Diese Nahtstelle zwischen Elend und Glanz bezeichnet, mit kaum merklichem Lächeln, die wundersame Wendung zum Guten.

Österreichisches Filmmuseum: Fr, 22.10., 18.30 (OmenglU)


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