Musiktheater Kritik

Ein Treffer: Dominique Meyers erste Premiere

Lexikon | Andreas Dallinger | aus FALTER 42/10 vom 20.10.2010

Dominique Meyer hat als Kick-off seiner Direktion an der Wiener Staatsoper etwas überraschend Paul Hindemiths selten gespielte Oper "Cardillac" angesetzt. Sie erweist sich als echter Treffer, der weniger durch die Wucht einer Deutung als durch die Perfektion der Erzählung überzeugt. Das Leadingteam Sven-Eric Bechtolf (Regie), Rolf und Marianne Glittenberg (Bühne und Kostüm) entfaltet die Geschichte vom begnadeten Goldschmied Cardillac, der die Käufer seiner Kunsthandwerke meuchelt, weil er sich von seinen Arbeiten nicht zu trennen vermag, im Stil der Stummfilme der 20er-Jahre. Mit großen, expressiven Gesten, alle sehr fein und präzise gearbeitet und durchaus ironisch-heiter in der Anmutung, choreografiert Bechtolf Chor und Solisten durch den holzschnittartigen Text. Dass der Abend damit eine unerwartete Leichtigkeit erfährt, ist einer seiner zentralen Pluspunkte. Musikalisch sorgt Franz Welser-Möst im Verein mit den tadellosen Solisten (speziell Juliane Banse und Herbert Lippert) für eine Non-plus-ultra-Wiedergabe der formal neobarocken, im Ausdruck schillernd expressionistischen Partitur. Eine Wiederbegegnung, die einer Entdeckung gleichkommt. Famoser Einstieg, möchte man sagen. Auch weil sich eine gute Laune durch die Eröffnungspremiere zog (vom begrüßenden Direktor am Fuße der Feststiege zu Beginn bis zum herzlich jubelnden Applaus am Ende der Aufführung), die man allzu gerne als programmatisch für die kommenden Jahre betrachten will.

Staatsoper, Sa, Mi 20.00


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