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Viennale-Eröffnungsfilm: Mönche unter Druck

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 42/10 vom 20.10.2010

Die Wahl von Xavier Beauvois' "Des hommes et des dieux" (deutscher Titel: "Von Menschen und Göttern") zum diesjährigen Eröffnungsfilm will Viennale-Direktor Hans Hurch auch als "politischen Kommentar" gegen rechtspopulistische Hetze verstanden wissen. Diese Begründung mag sich erst einmal wunderlich anhören: Immerhin arbeitet sich der Film an der wahren Geschichte der Ermordung einer Gruppe von Zisterzienserbrüdern durch islamistische Extremisten in Algerien ab. Aber Beauvois' Bearbeitung dieses Vorfalls von 1996 lässt den Kulturkampf-Zündstoff links liegen und fokussiert stattdessen ganz auf das Drama einer Wahl: Als sich im Umland gewalttätige Übergriffe durch islamistische Banden häufen, müssen die sieben Mönche eines Klosters im Atlasgebirge entscheiden, ob sie bleiben oder fliehen wollen.

Dass "Des hommes et des dieux" die politischen Zusammenhänge der Bedrohung nur kursorisch streift, wirkt in diesem Fall angemessen und nicht wie ein universalisierendes Ablenkungsmanöver: Die Last der Entscheidung, die in sieben faszinierenden Gesichtern (darunter: Lambert Wilson, Michael Lonsdale) den ganzen Film über arbeitet, rührt gerade von der paradoxen Freiheit der Mönche her. Diese müssen sich nur ihren Aufgaben und Prinzipien verpflichtet fühlen, nicht ihrer nationalen Zugehörigkeit oder ihrer prekären Rolle am politstrategischen Schachbrett.

Als identitätsstiftender Rest bleibt das Bild der weisen weißen Hirten übrig: Die muslimischen Bewohner der benachbarten Ortschaft kommen kategorisch nur als hilfsbedürftige Schäfchen vor. Konzentriert entfaltet Beauvois den ritualisierten Klosteralltag und gebraucht ihn als Resonanzkörper für die emotionalen und moralischen Krisen der Gemeinschaft. Großes Melo!

Gartenbaukino, Do 21.10., 19.30 und 23.00 (OmU)


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